PROINTELLEKT
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Die Bürde des Menschen

WLADIMIR KOTELNIKOW, Literaturkritiker, über ALEXANDER POTEMKINS Roman „Der Mensch wird abgeschafft“

Wladimir Kotelnikow,  7 Juli um 15:38 0 583

Was immer für Spielchen die Literatur spielt  - und das tat sie schon immer, in den letzten Jahrzehnten auf besonders riskante Weise, oft hart an der Grenze zur Selbstvernichtung – so wird doch immer ein Bereich absoluter Ernsthaftigkeit bleiben, im Hinblick auf den Menschen und seine Welt.  Wie tiefgründig sie ist, in welche Richtung sie geht, welche künstlerischen Formen sie annimmt, hängt von der Weltsicht des Autors und seiner Fähigkeit ab, einen Gedanken zu entwickeln und ihn in Worte zu kleiden. Immer aber sollte die vom Autor im Text kundgetane geistige und moralische Arbeit echt sein, und nicht nachgeahmt. Hier sind Wahrhaftigkeit der Person und Verantwortlichkeit des Urteils vonnöten.

 

Der Grundgedanke des Romans von Alexander Potemkin ist durchaus ernst und findet bereits im Titel seinen Ausdruck: „Der Mensch wird abgeschafft“. Dies ist eine entschlossene und endgültige Deklaration; und wenn der Mensch tatsächlich abgeschafft wird, wird auch alles weitere Nachdenken über ihn abgeschafft. Die dem Autor gehörende Titelbehauptung und die den Protagonisten übertragenen Taten und Worte zeugen von der Absicht, ein letztes Wort über den Menschen zu sagen und ein Urteil zu sprechen, das keine Berufung zulässt.

Die Absicht ist nicht neu. Die Kritik des Menschen an seinen natürlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen entstand, als er sich seiner bewusst wurde, und seitdem bildet der Anthropokritizismus eine ganze Strömung,  sowohl in der Philosophie, als auch in der Literatur. Schon Timon von Athen, der gnadenlos nicht nur die menschlichen Fehler, sondern das ganze menschliche Geschlecht brandmarkte,  wurde zu einer Berühmtheit der griechisch-römischen Welt, die sich in seinen zahlreichen Erzählungen widerspiegelte, und nicht einmal ihr beißender Spott konnten sie ihrer paradoxen Anziehungskraft berauben. Marcus Antonius wurde, wie Plutarch berichtete, am Ende seines Lebens in seinen Ansichten und Verhalten zum Anhänger Timons. Lukian von Samosata griff seine Schmähungen auf und stellte Timon in seinem „Misanthrop“ dar; anderthalb Jahrtausende später erneuerte und erhöhte Shakespeare diese Gestalt, indem er ihr tragische Züge verlieh. Doch neben den Anhängern Timons, neben den Schriftstellern, in deren Werken er wiedererstand, ließ es die totale, vernichtende Kritik an der Menschheit auch sonst nie an begeisterten Anhängern, lebendigem Stoff, immer feineren Mitteln der Entlarvung fehlen.  Während die englische Linie, beginnend mit Swift, die literarische Tradition des Hohen Gerichts über die Menschheit schuf, hat die deutsche Linie, die kürzer, aber in ihren Folgen grausamer war, mit Schopenhauer und Nietzsche eine solche Rechtfertigung der Misanthropie geliefert, die mit intellektuellen Mitteln zu bekämpfen niemandem gelingen wird.

Die moralische Begründung einer solchen Kritik ist nachvollziehbar. Jedoch enthält sie das unhaltbare, bisweilen wollüstige Bestreben, der menschlichen Natur alle von ihrer Kultur gewobenen Mäntel  vom Leib zu reißen, bis in ihre tiefsten Schichten zu graben, um alles aufzuspüren, was die Möglichkeit einer Degeneration und Selbstvernichtung  des Menschen gebären könnte.  Und wozu? Ist es eine Notwendigkeit, die menschliche Natur bis in ihre letzten Tiefen zu erfassen, sie der Folter und letztlich dem Tod zu unterziehen, um sie vom Unrat zu befreien, und daher: „Ganz gleich, wo Untergang uns droht, das Herz des Menschen reizt der Tod mit unerklärlichen Genüssen“?  Und besteht  hierin das „Pfand der Unsterblichkeit - vielleicht“?  Ja, vielleicht: hier bleibt einem nur der Glaube.

Die Revision des Menschen dauert seit zweieinhalbtausend Jahren an, und Potemkins Roman ist ein weiterer Versuch. Ich habe keinen Anlass, an der Wahrhaftigkeit dieses Dokuments zu zweifeln.  Man könnte „ … in diesem Dokument einige Änderungen vornehmen“,  „Ein wenig am Stil …“, wie Tichon zu Stawrogin nach dem Lesen von dessen Beichte sagt. Der Stoff aber, die Ansichten, Schlüsse sind aufrichtig, sind die des Autors  - im Rahmen seiner Erfahrungen und seines Weltverständnisses.

Sein Weg ist unverändert derselbe: Zweifel im Menschen, Bewährungsprobe, Urteil, Strafe.

Einen Teil des Weges lässt er Semjon Semjonowitsch Chimuschkin gehen, einem Protagonisten aus einem modernen Stadtloch, eine „sich verstärkt bewusstwerdende Maus“, deren enge Verwandtschaft mit dem Antihelden aus den „ Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ offensichtlich ist und ihm noch größere literarische und ideologische Überzeugungskraft verleiht. Seine ausschweifenden Monologe, die mal die gesamte heutige Zivilisation betreffen, mal in ein Rühren „in den Wunden des eigenen Ichs“ verfallen, berühren eine Vielzahl von Themen, die uns aufs Äußerste beunruhigen und ihren Ausdruck fordern. Sie führen dazu, dass unsere Publizisten, Fernsehmoderatoren, Wegwerfautoren in Erregung geraten. Chimuschkin genießt das ohne Eile,  auf verschiedene Weise. Bemerkenswert ist sein „Drang nach Westen“ mit seinem grotesken „Wahnsinn nationaler Überlegenheit“, und man muss anerkennen: zwischen den Strichen des von ihm karikierten Europa lugt dessen reales Drama hervor. Unter die Darstellung des wichtigsten westlichen Produkts – des „Durchschnittseuropäers“ hätte nicht ohne schadenfrohes Gekicher auch Konstantin Nikolajewitsch Leontjew seine Unterschrift gesetzt, dessen Essay über dieses Produkt kürzlich in Deutschland übersetzt und veröffentlicht worden ist und einen nicht geringen Skandal hervorgerufen hat.

Chimuschkins Aufenthalt in der Schale eines Getreidekorns könnte man als ausweglose kafkaeske „Verwandlung“  auffassen, wenn er nicht in der Keimung dieses Korns seinen Höhepunkt gefunden und eine vitale Perspektive in dem bis dahin abgeschlossenen Raum eröffnet hätte. Die im existenten Bewusstsein des Protagonisten entstandenen Motive der Fruchtbarkeit sind auch von metaphysischer Bedeutung, da sie uns zu dem Evangelien-Gleichnis vom Senfkorn zurückführt. Auch der zwischen den Zeilen aufkommende Gedanke, dass Komfort  „dem Menschen das Wichtigste nimmt – das Leiden“ erinnert daran; hier wird ein großes Thema berührt: Neues Leben entsteht nur zum Preis des Leidens und des Sterbens vorherigen Lebens. Das Thema geht allerdings nicht über die Grenzen dieser Episode hinaus, obwohl Anklänge in den Schicksalen der anderen Helden wahrzunehmen sind.

Diese Motive erfahren im Roman keine durchgehende Entwicklung. Zuerst werden sie erstickt von Chimuschkins Fantasien der Schaffung eines neuen “transgenetischen“  Menschen mit dem Ziel, die Welt umzubauen und vollständig zu harmonisieren; letztendlich sagt er sich von jeglicher „Menschenzucht unter dem Einfluss einer neuen Idee “ los : den Verstand von der körperlichen Last zu befreien und ihn auf einen elektronischen Datenträger zu transferieren.

Alle Vorhaben und Fantasien des Protagonisten finden übrigens nur in seiner inneren „Skandalsphäre“ statt, die der Autor ironisch ausleuchtet.

Gleichzeitig führt Chimuschkin von seinem Loch aus eine Untergrabung des Menschen durch: Er zerrreißt alle natürlichen und sozialen Grundlagen, auf denen die Art des Homo sapiens beruht. Durch den Humanismus zum höchsten Wert erhoben, ruft diese Art bei Chimuschkin Misstrauen und den Wunsch hervor, sie abzuschaffen oder sie radikal zu verändern. Mit dieser Zielsetzung agiert er in seiner Vorstellung, „theoretisch“. Praktisch dagegen agiert Iwan Stepanowitsch Gusjatnikow, eine von Chimuschkin untrennbare und für ihn unerreichbare Existenzform: „ein reicher Geschäftsmann,  Mäzen und Schönling“. Er, der, ausgestattet mit unermesslichem Kapital, allmächtig ist und keinerlei Limits und Verbote anerkennt, hat den Auftrag, den zweiten Teil des Wegs zur Abschaffung des Menschen zu gehen.

Er foltert die Menschen mithilfe von Verlockungen, Erniedrigung, Angst und ist sich der Nichtigkeit der menschlichen Art und gleichzeitig  der Notwendigkeit einer gewissen künftigen Harmonie sicher, die ohne Gewalt nicht zu erreichen ist. Die von ihm ergriffenen sozialen Höhen sind weit entfernt von jenen Gipfeln,  von denen Zarathustra predigte, die von ihm geschaffenen Folterkammern sind mit weniger raffinierten Instrumenten ausgestattet, als bei dem Schöpfer von „Justine“ und „Juliette“, dennoch zollt Gusjatnikow in seinem persönlichen Programm den  beiden Idolen der modernen Denker seinen Tribut: „Unterstütze den rebellischen Feuereifer der Ablehnung christlicher Moral mithilfe von Inhalten, welche die neuen Generationen mit dem Reiz des alles Erlaubten zersetzt.  Zur manifestierten Absicht muss der totale Kult des Sich-lustig-Machens über den Menschen, dieses verletzbare Geschöpf, werden. Ich verspüre nicht einfach nur Gleichgültigkeit gegenüber seinen Leiden, nicht wütende Grausamkeit gegenüber allem Umgebenden – nein, sarkastische Verhöhnung alles rein Menschlichen.“

Gusjatnikow, der andere in Grenzsituationen austestet, möchte auch sich austesten.  Er fordert, ihm einen Menschen zu suchen, der die letzte Schwelle des Menschlichen bereits überschritten hat, um sich mit ihm zu messen. „Ich möchte gar zu gern wissen: Was ist es, wozu ich nicht in der Lage bin? Wogegen kann ich meine Hand nicht erheben? Wo ist meine persönliche Schwelle der Menschlichkeit?“ Zu  demselben Zweck führt er ein Experiment mit den in Rimuschkin versammelten „Leibeigenen“ durch: „Ich wollte herausfinden, wo beim Menschen die Menschlichkeit aufhört. Wie lange er sich hält, welches der Preis ist, ihn zu brechen, wie weit es ist von da aus bis zur äußersten Rage, bis zu Todsünden, bis zu tierischem Hass“. „Er wollte sich und den Menschen überhaupt auf neue Weise erniedrigen, ihn in eine Marionette des eigenen bizarren Bewusstseins verwandeln“. Letztendlich führen all die ungeheuerlichen Ideen Gusjatnikow zu einem durchaus vorhersehbaren Ergebnis: der Selbstvernichtung. Er überzeugt sich aufs Neue, dass, „der Mensch totale Scheiße ist, er verdient keinerlei Achtung. Ich rede nicht nur von dir oder von euch, ich rede vor allem von mir selbst. Das ist es, weshalb ich Iwan Stepanowitsch Gusjatnikow selbst derart hassen und verachten möchte“.  Sich dem Tiger zum Fraße vorzuwerfen ist das Letzte, was ihm bleibt.

Diese Handlungslinie, die von psychologischen und physiologischen Hyperbeln nur so strotzt, geht bisweilen in ein aufdringliches Spiel der Fantasie über und hat wenig mit der heutigen Literatur gemeinsam, welche gern mit Motiven des Menschhasses, mit Gewalt und Anthropophagie spielt.

Aus dem monströsen Baum des Menschen, der im Roman aufgezogen wird, wachsen zwei völlig andersartige Triebe: Nastja Tschudetskaja und der Tadshike Kajulow. Während alle anderen Zweige und Früchte mit dem Saft der Ausgeburt und des Sterbens angefüllt sind, leben und agieren in diesen beiden, und nur in ihnen, die seelischen Kräfte, die den Menschen zum Menschen machen. Die Tschudetskaja wird von ihrem freien Geist und ihrem klugen Herzen wahrscheinlich zu neuen Horizonten des Lebens geführt werden, die der Autor für die anderen Protagonisten unzugänglich macht. Kajulow, der zum Objekt von Gusjatnikows Experimenten wird, beweist einen solchen Glauben und Willen, dass er letzteren aus der Fassung bringt. Gusjatnikow begreift, dass er Kajulow nicht brechen kann, lässt von ihm ab und tröstet sich eine Zeitlang mit dem trivialen Gedanken, dass „jeder von uns seinen ausschließlichen,  eigenen Weg geht“, der sich jede Minute ändert, dass die Menschen keinerlei  Gemeinsamkeiten und absolute Werte haben.

Die misanthropischen Aktivitäten dieses Protagonisten  enden irgendwie plötzlich, vermutlich weil alle Möglichkeiten und Ideen ausgeschöpft sind. Und tatsächlich: selbst eine noch so ausgeklügelte Fantasie trifft auf dem Feld solcher Aktivitäten auf Grenzen, weiter als bis zum Kannibalismus und zum Suizid reicht es nicht.

Dafür entfalten sich theoretische Aktivitäten. Der freie Intellektuelle Viktor Petrowitsch Dygalo führt die Ideologie der Abschaffung des Menschen bis zur Verurteilung und setzt das Urteil, nunmehr schon im letzten Stadium der Handlung, die im Fantasystil  geschrieben ist,  in die Tat um. Bevor er Chimuschkin  kennenlernte, hatte er der Menschheit wie ein durchschnittlicher Angehöriger der russischen Intelligenz vertraut, doch dann begriff er, dass der Mensch „sich seiner Anwesenheit auf der Erde schämen“ muss und „begann den Angriff auf das menschliche Geschlecht“ mit dem Ziel, „ihn aus dem Zyklus der Evolution und überhaupt von der Erdoberfläche zu vertreiben. Braucht man dafür ein offizielles Urteil?  Von wem? Wer will es hören? In der heutigen Welt gibt es keine wahrhaft große Persönlichkeit …“  Zu einer solchen Persönlichkeit möchte Dygalo selbst werden und nimmt die „qualvolle Last“ auf sich, „durch sein Handeln ihr gesamtes heutiges Gebäude mit allen ihren Lastern und Todsünden zu erschüttern! Gewiss, es wird Tränen geben, doch die werden schnell trocknen, und die Gewissensbisse werden einsetzen; dafür wird sich die Innenwelt des Menschen in seiner Qualität ändern. Nichts anderes brauche ich! Nur für dieses Ziel will ich etwas Schreckliches vollbringen!“

Genau so muss im Grunde die Vollendung der humanistischen Ideologie sein, es muss ein wahrhaftiger intelligenter Humanist mit seinem zweihundertjährigen Anspruch kommen, eine überhistorische Position einzunehmen und die Menschen zu verbessern. Wenn er es nicht anerkennt und nicht tut, dann nur wegen der Beschränktheit seines Verstandes oder aus Angst. Oder Arglist.

Also, die Revision des Menschen geht weiter. Und so paradox es auch erscheint – dies lässt hoffen. Wir sind nicht in der Lage, den qualvollsten, aber auch notwendigsten Teil der Last, die auf dem Menschen liegt abzuwerfen: das Bewusstsein seiner selbst – das „Pfand der Unsterblichkeit - vielleicht“. 

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