PROINTELLEKT
PROINTELLEKT

Auf dem Weg zum Überwesen oder die Anabasis des Fjodor Machorkin

Sergej Antonenko, Religionshistoriker, Kritiker, Publizist, Chefredakteur der Zeitschrift „Wissenschaft und Religion“ über Alexander Potemkins Roman „Solo mono. Die Bewusstseinsreise eines Defätisten“

Sergej Antonenko,  7 Juli um 15:28 0 47

Der neue Roman von Alexander Potemkin „Solo mono. Die Bewusstseinsreise eines Defätisten“ fordert dem Leser jene Eigenschaften ab, deren Vorhandensein die moderne Literatur, so scheint es, bei ihrer Leserschaft schon gar nicht mehr erwartet – intellektuellen Mut, Ehrlichkeit angesichts der Herausforderungen unserer Epoche, die Fähigkeit, im Kaleidoskop der Phänomene das Wesentliche zu erkennen. Es ist auch nicht jeder bereit, einen Teil seiner Freizeit – die ja so ausgefüllt ist mit erhebendem und bereicherndem Surfen in den sozialen Netzwerken! – an eine „Séance der bewusstseinsbildenden Reise entlang der Grenzen der Innenwelt eines paranoiden Denkers“ zu verschwenden, wie der Autor selbst die Lektüre seines Werkes beschreibt …

Der Romanautor Potemkin (hier muss erwähnt werden, dass aus seiner Feder nicht nur philosophische Prosa, sondern zum Beispiel auch wirtschaftswissenschaftliche Werke stammen) betont stets, dass er nicht auf der Jagd nach Lesern ist, sondern einen verständigen Gesprächspartner sucht. Der Schriftsteller ist der Missbilligung der Kritiker hinsichtlich der Tatsache, dass seine literarischen Texte „den Kriterien moderner künstlerisch anspruchsvoller Prosa“ nicht genügten, derart überdrüssig, dass er seinem Werk ein warnendes Geleitwort vorangestellt hat: „Wenn Ihr HIC-Quotient (higher intelligence consciousness – höherer Bewusstseinsintellekt, eine neue, vom Autor anstelle des gebräuchlichen IQ empfohlene Methode, den Intellekt zu bewerten -S.A.) geringer ist als 100, dann kaufen Sie dieses Buch bitte nicht, denn Sie werden kaum Freude an seiner Lektüre empfinden. In diesem Buch geht es nicht um Liebe und Hass, auch fehlen Kriminalgeschichten und detektivische Abläufe.“  Was soll’s, ist doch fair! Allerdings kann man seinen tatsächlichen persönlichen HIC-Quotient (Konfuzius, Aristoteles, Newton, Dostojewski, Einstein, Dalí hatten den höchstmöglichen: 200) erst annähernd schätzen, wenn man das Buch ganz durchgelesen hat …

Wer das Buch in die Hand nimmt, sollte wissen, dass es ein ungewöhnliches Werk ist, sowohl im Hinblick auf seine Form, als auch inhaltlich. Potemkin steht außerhalb des literarischen Mainstream. Nicht umsonst nannte der bekannte Kritiker Wladimir Bondarenko den Schriftsteller einen „Westeuropäer mit einer russischen Seele“. In seinen Werken zeigt sich klar die Verbindung europäischer existenziell-rationalistischer Suche mit der russischen mystisch-ironischen Tradition (die in der Regel mit den Namen von Gogol und Bulgakow in Verbindung gebracht wird, die sich aber nicht minder ausgeprägt in den Werken von beispielsweise A.N. Tolstoi und W.W. Orlow widerfindet). Seit dem Ableben von Jurij Mamlejew 2015 kann man Alexander Potemkin zu Recht den größten Vertreter des russischen metaphysischen Realismus nennen.

Sein Roman „Solo Mono“ setzt in vielerlei Hinsicht die Linie fort, die in den früheren Werken des Schriftstellers („Isgoi – der Ausgestoßene“, 2003; „Die Manie“, 2005; „Der Mensch wird abgeschafft“, 2007; „Kabbala“, 2009; „Der russische Patient“, 2012 u.a.) eingeschlagen wurde. Doch spielen in ihm, im Vergleich z.B. zu „Kabbala“ und dem „Russischen Patienten“, Handlung und Sujet eine geringere Rolle. Man schlägt das Buch auf und taucht von den ersten Seiten an in den Strom der intellektuellen Selbstreflektion des Haupthelden ein. Auf wundersame Weise erreicht der Autor, dass die monologischen Ausführungen keine Langeweile aufkommen lassen. Es kommt der Moment, in dem beim Leser der suggestive Effekt eintritt und er beginnt, die Welt mit den Augen der Helden Potemkins zu sehen.

Der Roman enthält sowohl erstaunlich scharfe Beobachtungen des Alltags, als auch unerwartete, paradoxe Wendungen und – entgegen der Ankündigung des Autors – sogar eine Kriminalgeschichte. Bei all dem ist es ein absolut ideokratisches Werk, das voll und ganz um eine Grundidee herum „errichtet“ worden ist. Diese Idee hat einen globalen, kosmischen Klang; sie hat mit radikalen Umwandlungen des Lebens auf der Erde, und vielleicht künftig auch in unserem Weltall zu tun … Dennoch handelt es sich bei diesem Roman nicht um eine für die heutige fantastische Literatur „normale“ verantwortungslose Utopie; das garantiert die Person des Autors selbst.

Stellen wir sogleich klar: der Hauptheld ist natürlich nicht mit dem Autor identisch, doch wird der Horizont seiner Überlegungen durch die Interessen des Schöpfers des Romans und dessen persönliche Erfahrungen vorgegeben. Und Potemkin hat in seinem Leben reichhaltige und vielfältige Erfahrungen gesammelt. Diese beinhalten sowohl journalistische Tätigkeit, als auch ein solides Business-Studium, höheren Staatsdienst und das Unterrichten an einer Hochschuleinrichtung, die erfolgreiche Führung eines eigenen Unternehmens (er realisierte Projekte in verschiedenen Bereichen und Ländern), sowie die gründliche Kenntnis der Mentalität von Menschen  verschiedener Zivilisationskulturen (Georgiens, Russlands, Westeuropas, Chinas, der Mongolei, des Nahen Ostens).

Ein solch fundierter Background bestimmt natürlich die Einzigartigkeit des Romanautors Potemkin. Stellen wir uns die ehrliche Frage: Gibt es in der Geschichte der russischen, ja selbst der Weltliteratur viele Schriftsteller, die über die Zukunft der Welt und der Menschheit nicht vom Standpunkt des freien Träumers (in der schönen Kunst „über den Wolken schwebend“), sondern konkret, als Projekt, aus technologischer Sicht nachdenken? Gibt es unter denen, die versucht haben, die Konturen dessen, was auf uns zukommt, zu erkennen oder zu erahnen, viele Menschen, die Entscheidungen in Wirtschaft oder Staat zu treffen haben? In der Geschichte der russischen Literatur gab es so manchen Propheten. Vielleicht erfordert die heutige Zeit, dass ein Manager zu Wort kommt? Übrigens steht die eine oder andere Passage aus „Solo Mono“ in ihrem prophetischen Pathos nicht hinter den beseeltesten Utopien, bzw. Antiutopien, des „Silbernen Zeitalters“ zurück.

 

Worum also geht es in diesem Werk? Um den Versuch, ein Superwesen – nicht mehr und nicht minder! – zu schaffen, dessen Bestimmung es ist, den heutigen Menschen abzulösen. Oder besser: um den alles verzehrenden Glauben, dass die Schaffung eines solchen Wesens nicht nur möglich, sondern unausweichlich ist. Als Bekenner dieses Glaubens tritt der Hauptheld des Romans auf, der auch als  Erzähler  fungiert – Machorkin (Wie oft bei Potemkin, sprechen die Namen des Protagonisten für sich). Dieser stammt aus dem Dorf Siwaja Maska (deutsch: graue Maske) in der Republik Komi; unter seinen Landsleuten, den Einwohnern von Siwaja Maska, die für ihn im Prinzip die ganze Menschheit repräsentieren, fühlt er sich jedoch als Ausgestoßener. Dieser „musikalisch-klangvolle“ Name Siwaja Maska schafft in Verbindung mit der im Roman beschriebenen Wirklichkeit – dem Leben in der Taiga nahe dem Polarkreis – beim Leser den Eindruck eines phantasmagorisch öden Ortes „am Rand der Welt“.

In seinem Heimatdorf ist Machorkin ein Ausgestoßener. Der Grund dafür ist seine soziopathische Persönlichkeit: er gibt zu, dass er die Kommunikation mit den Dorfbewohnern überhaupt nicht braucht, dem anderen Geschlecht gegenüber gleichgültig ist, kein Interesse an, welcher auch immer, Arbeit hat. Er ist nur von einer Idee besessen: die Schaffung einer „neuen oder nachfolgenden Art“, die berufen ist, ihn selbst und die gesamte Gemeinschaft der Homo sapiens abzulösen: „Ich kann mich einzig an meinen Gedanken ergötzen, die eine ideale neue Nanocoupage des Fjodor Michailowitsch gebären.“

Machorkin ist Genie und Autodidakt: Sein Wissen hat er in der Dorfbibliothek erlangt, wo er ganze Tage verbracht hat. „Banaler“ Schönheit gegenüber ist er gleichgültig, dagegen orientiert er sich hervorragend in den surrealistischen Visionen Salvador Dalís. Er ist ein äußerlich nicht gerade anziehender und sozial zutiefst minderbemittelter Protagonist. Zudem stattet ihn der Autor mit offensichtlichen Symptomen einer manisch-depressiven Erkrankung aus; eine angeregt-euphorische Intonation wechselt bei dem Helden mit einer trübsinnig-niedergeschlagenen. Es ist anzunehmen, dass Potemkin solch bedeutsame Ideen nicht zufällig einem derart unsympathischen Menschen in den Mund legt. Machorkin verkörpert unter heutigen Bedingungen den Archetypus des Juródivyj – einer Art Narr in Christo - oder eines alttestamentlichen Propheten. Propheten und Narren aber sind, wenn sie sie sich wahrhaft berufen fühlen, in der Regel wenig respektabel. Meist rufen sie Feindseligkeit hervor.

Die Entwicklung des Sujets beginnt damit, dass der Hauptheld irgendwann ein plötzliches Unwohlsein verspürt, er empfindet körperlichen Schmerz – ein existenzielles Signal  der zugespitzten Wirklichkeit und zugleich Verletzlichkeit des Seins, das ihn quasi erweckt und auf den Weg der Taten treibt.  Der Held begibt sich auf eine Reise vom äußersten Norden nach Astrachan im fernen Süden, wo er den „großen Unternehmer und Helden der Medienberichte“ Nikolai Pentalkin zu treffen hofft. In ihm beabsichtigt Machorkin einen Investor zu finden, der ihn bei der Verwirklichung seines kosmischen Megaprojekts unterstützt. Der Weg des Helden nach Astrachan ist eine Art Anabasis, der Aufstieg zu dem geheimnisvollen „Homo kosmikus“: „An den Start also! Der Weg ist lang – die intellektuelle Wiedergeburt des Menschen!“ Dabei, und hierin zeigt sich die Widersprüchlichkeit der Natur Fjodor Michailowitschs, nimmt der moderne anachoretische Pilger sein Tablet mit auf den Weg; er schafft es nicht, die medialen Verbindungen zur Welt der Menschen  zu zerreißen.

Der Hauptteil des Romans ist Machorkins Reise gewidmet. Unterwegs hat er verschiedene Begegnungen; doch die Menschen, denen er begegnet, wirken in ihrer Mehrheit wie lebende Illustrationen unterschiedlicher Laster und Schwächen des Homo sapiens. Im Verlauf seiner gesamten Reise denkt Fjodor Michailowitsch an den Menschen als eine zerbrechliche Kreatur, „einem biotechnologischen Projekt, auf chaotische Weise aus Mutationen geschaffen“.

Der Leser überzeugt sich, während er Autor und Held folgt,  von den äußerst begrenzten Möglichkeiten, die sich den Nachkommen der Cro-Magnon-Menschen bieten: „Die Überlebensgrenze des Homo sapiens liegt bei 57 Grad, und zwar für 4-5 Stunden. Menschen mit schwacher Gesundheit überleben nur 1-3 Stunden“. Die „Sapienser“ sind nicht in der Lage, lange Zeit hohe oder niedrige Temperaturen, Mangel an Nahrung und Wasser oder andere körperliche Entbehrungen auszuhalten. Ohne es sich zur Aufgabe zu machen, beschäftigt sich unser Hauptheld mit der Erforschung und Erweiterung der Grenzen des Möglichen für den Menschen. Er reduziert, ähnlich den altchristlichen oder den altindischen Asketen, seinen äußeren Konsum, bei einem Überschuss an innerer, seelischer und mentaler Energie.

So kommt es, dass Machorkin entgegen seiner eigenen Weltanschauung (möglicherweise sogar entgegen der Haltung des Autors), allein dadurch, dass er der Idee so selbstlos dient, die höchste geistige Würde des Menschen bestätigt! So wie die revolutionären Atheisten, wenn sie „um der lichten Zukunft der Menschheit willen“ zur Folterbank und zur Richtstatt schritten, dadurch unbewusst die Realität der Unsterblichkeit bestätigten; schließlich würde niemand sein Leben für das endliche Nichts opfern.

Es muss erwähnt werden, dass der Held  sich selbst gegenüber durchaus kritisch gestimmt ist: Er ist nicht der Erste einer neuen Generation, sondern eher der Schlussmann einer Reihe vorausgegangener, im Nichts verschwindender Generationen. Er wird sogar von einer Art Entzücken über die eigene Nichtigkeit, von einer apokalyptischen Begeisterung bei dem Gedanken an die Niederlage der Gattung Mensch ergriffen. Nicht umsonst trägt der Roman den Untertitel „Die Bewusstseinsreise eines Defätisten“.

In seinen Überlegungen geht Machorkin vor allem davon aus, dass der Mensch als Naturerscheinung seine Möglichkeiten restlos ausgeschöpft hat: „Ihren Höhepunkt hat die Menschheit bereits überschritten. Seit dreißig Jahren rollt sie mit wachsender Geschwindigkeit auf einen Abgrund zu.“ Zu einem Synonym für die moderne Unterart des Homo sapiens, der zur Degradation verurteilt ist, wird der Begriff „Siwomasker“, im Grunde ganz in der Tradition der Anthropologie: Auch die Bezeichnungen Neandertaler, Cro-Magnon-Mensch, Denisova-Mensch und Heidelbergmensch wurden von geographischen Begriffen abgeleitet.

Welche Eigenschaft der Siwomasker also ruft den größten „Brechreiz“ bei unserem Helden hervor? Die Anklageschrift wird eigentlich im Verlauf des gesamten Romans verlesen und enthält eine Vielzahl an Punkten. Das sind zum Beispiel geistige Leere, zügelloser Konsum, der Hang zu banalen Formen der Massenkultur, Unehrlichkeit, intellektuelle Armut, der Vorrang primitiver sentimentaler Vergnügungen gegenüber dem „intellektuellen Orgasmus“. Fast jeder Siwomasker beginnt vor Wichtigtuerei zu platzen, kaum dass er auf der sozialen Leiter auch nur ein winzige Stufe emporgestiegen ist. Ihm sind noch eine Menge weiterer Fehler eigen, doch wird Machorkin plötzlich bewusst, dass er an sich selbst eine Siwomasker Eigenschaft hasst: die Fähigkeit zu weinen. An anderer Stelle gesteht der Held ein, dass er die kosmische Transformation des Siwomaskers damit beginne würde, „ihm den winzigen Punkt aus dem Gehirn zu entfernen, der bei dem Siwomasker den Wunsch zu singen weckt“. Und so ruft die menschliche Natur mit all ihren emotionalen und seelischen Aspekten bei unserem Prätendenten auf die Rolle des Schöpfers von Solo Mono Abscheu hervor, doch sind ihm selbst solche „menschlichen, allzu menschlichen Züge“ wie Mitleid und Mitgefühl nicht fremd … Aber wir wollen hier nichts vorwegnehmen.

Der Homo sapiens ist also für ihn eine abgeschlossene Etappe der kosmischen Evolution. Wobei die Evolution blind ist, nicht von göttlicher Vorsehung erhellt. Hier scheint Fjodor Michailowitsch von einem atheistischen Standort aus nachzudenken; wie wir später sehen werden, ist ihm diese ideologische Festigkeit nicht immer eigen.  Im Kopf unseres Helden blitzt der Gedanke auf: „Es ist doch erstaunlich und nicht nachvollziehbar, dass für ein solch primitives Wesen, wie es Fjodor Machorkin ist, achteinhalb Milliarden Jahre, oder nach einer anderen Version, die mir noch besser gefällt, ganze 27 Milliarden Jahre draufgegangen sind. Das Chaos ist eine Kraft, aber offenbar eine langsame, umständliche und selten ganz positive Kraft.“

Die unvernünftige, zögerliche Natur kann – und muss! – auf Trab gebracht und in die richtige Richtung geschubst werden: „Warum bin ich selbst nicht in der Lage, den chaotischen Langzeitmutationen in der Natur zum Trotz auf wundersame Weise einen neuen Super-Machorkin zu kreieren?“ Und so lebt der Hauptheld im Grunde denselben Glauben, der den legendären Faust oder den realen Mitschurin (und natürlich viele andere Pioniere der Wissenschaft) inspirierte: „Wir können von der Natur keine Gnade erwarten; es ist unsere Aufgabe, sie sich uns zu nehmen. Der Mensch kann und muss neue Formen schaffen …  bessere als die Natur.“

Der überzeugte Glaube an für den Kosmos nutzbringende Perspektiven der Entwicklung der menschlichen Vernunft und der wissenschaftlich-technischen Manipulation wurde durch die schreckliche Erfahrung des 20. Jahrhunderts  grundlegend erschüttert. Er wirkt heutzutage bestenfalls altmodisch. Bei Machorkin haben wir scheinbar immer noch denselben Glauben an die mitreißend schöpferischen Möglichkeiten der Vernunft und des Fortschritts  vor Augen, allerdings … nunmehr ohne den Menschen!

Derjenige, der für sich beansprucht, die Krönung der Schöpfung zu sein, erscheint nun als Ausgeburt der finsteren, chaotischen Naturmächte und wird durch die Natur selbst, durch die Logik der Entwicklung der Welt und des Kosmos „abgeschafft“. Die Zukunft gehört schon nicht mehr dem „umgeformten“ Menschen, auch nicht dem „Übermenschen“ im Nietzsche‘n Sinne, sondern einem „neuen Wesen“, welches im Bewusstsein des Fjodor Machorkin, wenn auch nicht sofort, den Namen „Solo Mono, mein Adoptivsohn“ erhält. Und zwar „Adoptivsohn“, denn dem asexuellen Haupthelden kommt eine Empfängnis im herkömmlichen Sinn gar nicht erst in den Sinn. Und ein unvollkommener, rein biologischer Prozess könnte ja auch die Entstehung eines höheren Geschöpfes nicht garantieren!

Die „biotechnische Konstruktion“ Mensch ist nicht „verstandesmäßig erschaffen worden, sondern durch Naturgewalten, also durch ein Spiel des Zufalls, und somit enthält sie eine gewaltige, unermessliche Anzahl genetischer Fehler“.

Um die Möglichkeit auszuschließen, dass sich die Programmfehler wiederholen, ist es notwendig, das neue Wesen in wörtlichem Sinn neu zusammenzusetzen: Atom für Atom, Molekül für  Molekül, Zelle für Zelle … Für diesen Zweck konstruiert Machorkin einen „Nanoassembler“ – eine „Nanopinzette“.

Die Grundidee der Funktionsweise eines solchen Mechanismus wird im Roman beschrieben, sogar ein Bauplan findet sich im Anhang. Das alles könnte als „wilde Phantasterei“ abgetan werden, im Sinne der eindrucksvollen Episode aus Luc Bessons Film „Das fünfte Element“ (1997), wo der vollkommene Körper von Milla Jovovich buchstäblich zusammengewebt wird … Alexander Potemkin aber bleibt auch hier Realist.

In den 2000er Jahren entstand ein neues Fachgebiet der Gentechnik: die synthetische Biologie. Heute arbeiten bereits über einhundert Labors weltweit auf diesem Gebiet. Die Befürworter der synthetischen Biologie wollen die Gentechnik zu einer ernsthaften Disziplin machen, die es ermöglicht, Organismen mit bestimmten Eigenschaften zu schaffen, zum Beispiel spezielle Bakterien für die Entwicklung komplexer Arzneimittel. Die Standardisierung und Kombination künstlicher Kreaturen, die Erzeugung komplexer biologischer Systeme, die es vorher in der Natur nicht gab, die Projektierung und Programmierung von Organismen: Das alles sind längst keine Hirngespinste von Phantasten mehr, sondern Tagesgeschäft angewandter Wissenschaften.

In welchem Maße werden sie Grund zu Freude und Inspiration sein können? Den Anhängern traditionalistischer Ansichten (zu denen sich in gewissem Maße auch der Autor dieses Essays rechnet) erscheint eine solche Zukunft als Albtraum.  Anscheinend potenziert Potemkin den apokalyptischen Schrecken sogar bewusst.  Solo Mono wird ein geschlechtsloses und sogar beinloses(!) Wesen sein: wozu auch benötigt eine Kreatur rudimentäre Gliedmaßen, da sie doch die Fähigkeit besitzt, „sich und andere Wesen und Substanzen ohne Transporthilfe von Ort zu Ort zu bewegen“? Seine wichtigste Eigenschaft wird sein kolossaler Intellekt sein, ein jedes Maß sprengender HIC.

Der Traum von seinem „Adoptivsohn“ führt Machorkin unweigerlich und logisch zur Gottesleugnung – einen solchen Beigeschmack verspüren wir allerdings in allen Mythen der Erschaffung eines „Übermenschen“ oder eines „Parallelmenschen“, beginnend mit den mittelalterlichen Legenden vom Golem und vom Homunculus bis hin zu Nietzsches Zarathustra. „Fjodor Machorkin muss es unbedingt schaffen“, so gesteht sich der Protagonist ein, „dass das Gehirn meines Adoptivsohns Solo Mono die Projektierung der ihn umgebenden Wirklichkeit in vollem Maße nachvollziehen und sogar daran mitwirken kann, dass er sich mit seinem ganzen Wesen in den Prozess der Schaffung neuer interstellarer Konstruktionen einarbeitet und ultrakleine Messwerte manipuliert, wie zum Beispiel die Planck-Konstante. Mit anderen Worten, das Universum direkt gestaltet.“ Dann wieder erklärt der Held: „Wenn du dich nicht selbst für Gott hältst, ist dein Intellekt nicht höher als 90 HIC.“

Dieser kämpferisch-atheistischen Erklärung muss eine andere Aussage Fjodor Michailowitschs entgegengestellt werden, ein entstelltes Zitat des Heiligen Athanasius von Alexandria: „Gott schuf den Menschen, damit der Mensch Gott werde.“ Der große Schriftgelehrte hatte es anders gesagt: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde.“ Der Heilige Athanasius meinte damit, dass Christus – der Logos - , menschgeworden, allen den Weg zu wahrhafter Gottwerdung eröffne, sie zu Gottes Kindern mache. Machorkin will nichts von Christus wissen, doch klingt in dem ungeschickten, verzerrten Zitat nicht eine gewisse, wenn auch ferne und schwache Spur von Glauben mit?

In dem Maße, wie sich die Erzählung entwickelt, weist Machorkins Bewusstsein immer paradoxere Züge auf. Auf eine Art erweist er sich der von ihm anfänglich als „unnötig“ abgelehnten Religion sehr nahe. Sein Projekt des Solo Mono nimmt zunehmend altruistische Züge an. Hier kann es geschehen, dass der Leser völlig desorientiert ist: Wie kann das sein, eben gerade wurde die Menschheit entlarvt, aller Sünden beschuldigt, verurteilt, und plötzlich begibt sich der Held auf die Suche nach einer „Übergangstechnologie“, um die Existenz des heutigen Homo sapiens zu verlängern!  Und appelliert voll prophetischer Inspiration: „Wach auf, wach auf,  Siwomasker! Stell dir wahrhaft grandiose Aufgaben, um Jahrhunderten naturgewaltiger Mutationen vorzubeugen! Entspring deiner verklemmten Individualität, lass dich vom kosmischen Wind erfrischen, um die Fesseln der heutigen, vulgären Zivilisation abzuwerfen!“ Und er wird sich, nach dem Beispiel vieler Propheten, dessen bewusst, dass sein „Aufruf wie die Stimme des Rufers in der Wüste klingt“…

Der Held schwankt zwischen Schadenfreude und Mitleid mit den Siwomaskern. Als Mensch von paranoider Wesensart schickt er Briefe mit Vorschlägen für die Lösung allgemeinmenschlicher Probleme in alle Welt. Unter anderem versucht er,  die Führer aller Konfessionen zur Zusammenarbeit im Namen tätiger Nächstenliebe, für die Ausrottung von Kriegen und Konflikten zu bewegen. Man ist geneigt, Machorkin zu fragen, warum er sich so um seine letztlich doch bankrotten „Mitbürger“ sorgt. Vielleicht sind ja die Religionskriege nur ein Mittel zur Selbstreinigung der Erde und des Universums von einer stagnierenden, „unrentablen“ Art?  Offenbar tun ihm – zeitweise wenigstens – die Siwomasker tatsächlich leid!

Das Wichtigste in Machorkins Überlegungen, das sich uns nicht sofort erschließt, ist, dass der Sieg eines nichtmenschlichen, maschinellen Pseudobewusstseins die Alternative zur radikalen Transformation der Menschheit, also zum Solo-Mono-Projekt, sein kann. Vor uns liegt entweder die lichte Zukunft einer steten kosmischen Evolution des lebendigen, sich vervollkommnenden Verstandes oder aber die weitere Degeneration des Menschen, nunmehr vermutlich in Verbindung mit seiner Versklavung durch Roboter. Die Alternative lautet: Solo Mono kontra maschinelles Hirn. „Der künstliche Intellekt beginnt mit  ihnen zu konkurrieren, weniger durch Verstand zu gewinnen als aufgrund von Komfort; und genau dieser totale Service wird den Menschen zugrunde richten“, prophezeit Machorkin. Das Überwesen wird auf alle Fälle geschaffen werden, doch es kann passieren, dass es kein umgewandelter Mensch, sondern ein Antimensch, ja Antileben sein wird: „Die Siwomasker haben Gegner, die vor nichts zurückschrecken. Es handelt sich um weltweit bekannte Firmen, die sich ernsthaft der Schaffung eines künstlichen Intellekts widmen. Sie planen, nicht natürliche biologische Substanzen zu verwenden, sondern Plastik, Metalle und sonstige anorganische Stoffe“.

Auf die weite Reise wird Machorkin von zutiefst negativen Emotionen getrieben: „Pfui, wie sehr möchte ich kein Mensch mehr sein und bleiben!“ Doch als der Leser sich gemeinsam mit dem Helden dem Finale seiner Anabasis nähert, kehrt er sich von der bloßen Ablehnung der Gattung Mensch ab und erkennt an, dass einige Eigenschaften dieses Übergangsproduktes der Evolution es wert sind, dass Solo Mono sie sich zu eigen macht und mit auf seine galaktische Wanderung nimmt. So soll, wie sich herausstellt, der „neue Super-Machorkin“ zu „tätiger Güte“ fähig sein. Die Nachricht von der Tragödie in Nizza und den Folgen des barbarischen Terrorangriffs auf der Promenade des Anglais führt den Helden zu einem unerwarteten Schluss: „Solo Mono soll ein ebenso zart- und mitfühlendes, einfühlsames, für Eindrücke empfängliches Herz besitzen, wie die Siwomasker.“  Letztendlich erhält die Schaffung des Überwesens im Bewusstsein Fjodor Machorkins eine durchaus religiöse, ja sogar christlich- soteriologische Sinnhaftigkeit: Die Erschaffung des Solo Mono bedeutet „die Sühne der Siwomasker Sünden“.

So nehmen Vieldeutigkeit und Paradoxität im Roman zu, je mehr wir uns der Auflösung nähern. Um keinen Spoilereffekt für jene Leser zu produzieren, die es riskieren wollen, sich mit Potemkins Held auf die Bewusstseinsreise zu begeben, werden wir nicht verraten, „wie alles endet“. Wir stellen nur fest, dass Machorkin einiges bevorsteht: ein Treffen und ein interessantes, aufschlussreiches Gespräch mit Nikolai Pentalkin, und danach eine erstaunliche Ahnung – eine Entdeckung, die vielleicht Ressourcen eröffnet, Solo Mono in einer völlig unerwarteten Sphäre zu kreieren… Es wird keine Spur mehr bleiben von Machorkins primitivem, progressistischem Materialismus; mit aller Klarheit wird sich ihm die Überwindbarkeit (und prinzipielle Bedingtheit) der „magischen Mauer“ eröffnen, die Reales von Irrealem trennt. Das Finale des Roman kann man als Bankrott, aber auch als Sieg des Fjodor Machorkin verstehen. Und ganz zum Schluss weckt der Autor noch mit einer vielsagenden Andeutung die Neugier des Lesers…

Es ist nicht auszuschließen, dass der eine nach der Lektüre dieses eigenartigen Manuskripts  sich nur ungern von Fjodor Michailowitsch verabschiedet; ein anderer dagegen erleichtert aufatmet. Manch einer wird bereit sein, den Autor als Verkünder der neuen Ära  eines kosmischen Menschen zu rühmen, andere werden Zorn und Enttäuschung empfinden. Der Roman „Solo Mono“ wird auf jeden Fall von der Leserschaft nicht einhellig bewertet werden. Eines steht außer Frage: auf unserem Tisch liegt ein scharfes Pamphlet, ein leidenschaftliches Dokument der nachchristlichen Epoche; es markiert die Geburt einer neuen Kultur und ist gleichzeitig ein zwingendes „Zeugnis der Anklage“ im historischen Gerichtsprozess, der, so scheint es, in den höheren Geistessphären bereits gegen sie geführt wird. Für diejenigen, die bestrebt sind, sich ein unabhängiges, objektives Bild von der heutigen Wirklichkeit und den zu erwartenden Perspektiven der Zivilisation zu machen, ist die Lektüre von Texten wie „Solo Mono“ unabdingbar; die anderen brauchen sich, worauf der Autor zuvor auch hinweist, keine Sorgen zu machen.

 

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