PROINTELLEKT
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Höhere und niedere Geschöpfe in der Megalopolis  

Lew Anninskij, Literaturkritiker, über ALEXANDER POTEMKINS Roman „Der russische Patient“

Lew Anninskij,  7 Juli um 15:30 0 50

Über den Schriftsteller Potemkin, seine künstlerischen Besonderheiten – den Stilisten, Porträtisten, Landschaftsmaler usw. - ließe sich lehrplangerecht  streiten. Als Experte aber, der die reale Welt von heute in ihren verborgenen, geheimen, schattigen Konturen kennt, steht Potemkin außer Konkurrenz. „Der russische Patient“ reiht sich würdig in die Reihe seiner Werke ein: Sein halbes Dutzend Romane wie „Der Dämon“, „Der Spieler“, „Der Ausgestoßene“, „Nostalgie“, „Entrückt“, „ Der Sessel“, „Ich“,  sind Diagnosen des Allgemeinzustandes der heutigen Wirklichkeit  … Dabei stellt „Ich“ in keinster Weise eine pure Selbstvertiefung dar, keine entrückte Flucht aus der Wirklichkeit, in der Dämonen den Außenseiter narren und Spieler sich am Tisch versammeln, denen zum Trost nichts als ein wenig Nostalgie versprochen wird. Potemkins Prosa ist voll konkreter Vorzeichen unserer sich jäh verändernden Zeit; diese Vorzeichen ragen und stechen aus dem klassischen  intellektuellen Sinngeflecht  heraus, das Dostojewski und Nietzsche über unsere verbissene  Rastlosigkeit gelegt haben.

In diesem Fall ist der Gedanke hin- und hergerissen zwischen der Frage, wie viel Leid die russische Seele ertragen will und kann, und dem Streben nach dem Ideal, welches diese Seele geradezu ins Jenseits zieht. Diese unausrottbaren Extreme werden im „Russischen Patienten“ gleich am Anfang benannt, gleich nach dem von mir als Epigraph vorangestellten Satz von der Nichtigkeit unseres Ameisenhaufens:

„Im Gedränge der Stadt, einer Welt voll politischer Ambitionen und Karrierestreben, Verkehrskollapse und der ironischen Flüsse des Geldverkehrs interessiert es [das Leben der Insekten und anderer niederer Lebewesen – L.A.] fast niemanden. Selbst für wesentlichere Dinge haben die Bewohner der Großstadt niemals Zeit. Alle werden von der Sorge um den Verdienst verschlungen. Zudem jagen die einen einem Schlückchen Sex nach, andere eilen auf Partys, hetzen in Boutiguen, wieder andere klatschen auf Konzerten Beifall oder drücken sich in trauriger Einsamkeit auf Parkbänken herum.“

In diesem flüchtigen Bild, das scheinbar den Standards der furchtlosen Belletristik der letzten zwei Jahrzehnte genügt, suche ich nach rein Potemkinscher Klarheit, Präzision und Enthüllungen.

Und ich finde sie.

Als erstes überrascht mich die unerhörte Transparenz dessen, was in den Büros und Fluren vor sich geht, genauer gesagt in den Geldbörsen und Jackentaschen der Personen, die in den sozialen Machtbereichen agieren. 

Zu Zeiten Gogols und Schtschedrins war es wenigstens noch üblich, sich zu genieren: Der Beamte schützte sein „Kannenmaul“ vor Transparenz; alles Inoffizielle wurde in Andeutungen abgehandelt.

Heute ist alles von vornherein festgelegt, läuft alles nach klaren Erfolgsmustern ab. Der Markt für gegenseitige Gefälligkeiten ist längst abgesteckt. Mit oder ohne Mittelsmänner lässt sich auf diesem Markt alles finden: vom Amtsleiter,  Revierleiter oder Inspektor des Migrationsdienstes bis zu Bürgermeistern großer Städte, Abgeordneten aller Ebenen und Ministern. Man zahlt kein Schmiergeld, aber den Menschen kauft man doch. Und für den gleichen Tarif macht man dem Kunden dann Angebote: willst du langfristig Land pachten, für eine geringfügige Ablöse vielleicht in einer Flusslandschaft, einem Waldmassiv, in Gebieten mit Gold-, Erdöl-, Gas-, Kohle-  oder sonstigen Aufkommen, was immer Sie wollen, der Landkreis ist reich –wird alles sofort erledigt. Übernehmen Sie die Leitung eines x-beliebigen Kombinats, einer Fabrik, Bank, Eisenbahn, eines Energienetzes nach Kaskadenprinzip! Alles Ihrs!

Das Ganze setzt sich von oben nach unten fort. Nach ganz unten. Man weiß, was eine Schnepfe für eine Nacht kostet, oder für einen Monat oder vielleicht ein Jahr, wenn man ihre Dienste in den Tagesablauf einbaut. Oder bei der ersten Kontaktaufnahme bei einer geilen Party – wie viel der Kellner kriegt, um das Briefchen rüber zu tragen,  die Garderobenfrau für eine Marke, der Parkplatzwächter fürs Auto,  die diensthabenden Bullen für den Schutz. Der Kauf von Menschen ist im heutigen Russland zur Normalität geworden.

Und das alles wird auf Papier festgehalten. Papier wird aufbewahrt.  Heutzutage übernimmt das auch noch der Computer. Kaum zu fassen, wie weit die Realität in einem Land gekommen ist, dessen Volk sich in den letzten zwei  Jahrhunderten als „Büchervolk“ angesehen hat. Jetzt wird in die Bücher geschrieben, was der Markt für Käufe und Verkäufe, Dienste und Pseudodienste so hergibt. Wie tief muss man gesunken sein in diesem Rechnen mit Betrug und falschem Spiel, wie sehr muss man den Glauben an die Wirklichkeit verloren haben, um sie in einem monotonen Parallelfluss auf Papier zu doublieren, einschließlich aller Krümmungen und Hechtsprünge!

„Die Theorie des Hechtsprunges“ stammt aus derselben Potemkinschen Disposition. Man kann diese Erscheinung auch Austausch der Pole nennen. Da hat die Konjunktur ein Ende, und der Chef hat sich ins Nichts abgesetzt, der erfolgreiche Zocker aber kommt aus dem Nichts auf den Chefsessel geflogen. Man muss nur den richtigen Moment für den Hechtsprung abpassen.  Und die Kaufsumme.

Was noch bemerkenswert ist:  diese  „banale Prozedur“ wird in Zahlen festgehalten.  Konsequent wertet Potemkin die Zahlen mit den vielen Nullen aus. Ich führe sie hier nicht an (ich halte solche Dinge nicht in meinem Bewusstsein fest); erstens, weil sie mir, mit Blick auf meine eigene Lebenserfahrung, zu abstrakt sind, und zweitens, weil sie, wie mir meine Erfahrung mit dieser Gesellschaft sagt, ganz und gar relativ sind: Da braucht nur irgend so eine Lenkstange oder Kurbel in der Weltwirtschaft mit all ihren Krisen und Defaults herumgerissen werden, und schon wachsen die Ziffern um weitere, ebenso dekorative Nullen an, oder aber sie verlieren ihre Nullen, und der Dienstleister bleibt splitterfasernackt.

In nackter Form, wie die Natur sie erschaffen hat, werden die Dienstleistungen heute besonders gern in ebendiesen Verträgen fixiert. Da wird zum Beispiel ein Vertrag nicht eingehalten, und der schuldige Beamte muss außer der Abfindung noch „Naturalien“ zahlen: „Sich nackt auf eine Bierflasche setzen und zehn Minuten so sitzen bleiben“. Ich bitte um Entschuldigung für diese Technologie einer Exekution, ich kriege das Würgen davon, aber so sieht auf unserem heutigen Vergnügungsmarkt eine Gebühr in Naturalien aus.

Eine solche Schuldabzahlung hat mich besonders aus der Fassung gebracht: Um einen möglichen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen, beschließt der Oligarch … nein, nicht ihn im Fahrstuhl zu begraben, nicht einzuasphaltieren und nicht einmal, ihn einzulochen, sondern, ihn mitsamt seinem Hab und Gut aufzukaufen, ihn zwecks Versorgung aufzunehmen, ihm Hausarrest zu erteilen (wenn nötig, lebenslänglich),  zu ernähren und … Aufgepasst! Die Idee ist noch viel wirkungsvoller als das Sitzen auf einer Bierflasche! Ihn nicht einfach nur zu ernähren, sondern „aufs Glas“ zu setzen!

Das bedeutet: jeden Morgen ein Wasserglas Wodka anbieten. Trinkt er es, gibt’s was zu essen. Will er nicht, soll er erstmal Knast schieben. Je mehr er sich hinter die Binde gießt, desto mehr kriegt er zu essen …

Und der Oligarch, der seinen Rivalen zu solch gewaltsamer Sauferei  verdammt – ist er vielleicht ein Abstinenzler, der dem Säufer eine Lehre erteilen will? Oh nein, er trinkt auch mal gern einen, aber keinen Fusel aus einem Wasserglas, sondern einen Barolo von Gallo oder einen schottischen Whisky  zum deutschen Eisbein. Zur Konsumorgie gehört natürlich auch das Trinken, aber was nimmt das doch bei uns für Auswüchse an, wie sich zeigt! Und ich war immer der Meinung, die schwarze Pest der Sauferei komme von  „ganz unten“, aus dem Volk, das die Maloche in der Finsternis der Taiga oder der brütenden Hitze der Steppe sonst  nicht ertragen kann,  und es sei Tradition, dass die Machthaber das Volk zur Nüchternheit aufrufen.

Oje! Austausch der Pole also. Die Machthaber rufen das Volk zum Saufen auf. Setzen es „aufs Glas“. Und greifen selbst zum Glas – wenn die Konjunktur ausbleibt. Und auch sonst. Aufgrund des allgemeinen Gefühls, dass man dem Schicksal nicht entrinnen kann. So wie man eine Diagnose nicht ändern kann.

Im Roman ist es ein Psychiater mit dem lustigen Namen Paradiesky, der die Diagnosen stellt. (Zu den Namen später, sie sind Potemkins Steckenpferd.) Die Dramatik besteht darin, dass Patienten mit unterschiedlichen Abstufungen des Wahnsinns aus der Hölle der Wirklichkeit zu dem paradiesisch höflichen Doktor strömen, und der Doktor mit liebender Hand Medikamente verschreibt: Reserpin, Alprazolam, Haloperidol … Diese Rezepturen sind nicht nur medizinische Realien, sondern auch eine geschickte Verhöhnung … Ich zitiere folgendes Ornament: „… nihilistischer Schwachsinn mit Größenwahnphantasien“, dazu: Poppers, und eine Mischung aus Trypsin und Chymotrypsin, außerdem Fettabsaugung,  Lifting und rekordmäßige Indikatoren ärztlicher Ausstattung:  ein Wartenberg-Nadelrad, ein Perkussionshämmerchen, mithilfe derer Hyperonenverdrehungen,  Felching , Yogoremasitage, Nekrophilie, Zoophilie kompensiert werden, usw.

Zu diesem Bouquet passen die Namen der Patienten, die aus der neuen russischen Wirklichkeit bei dem Doktor erscheinen.  Da gibt es Samodranow (Selbsthauer – eindeutig ein ganz harter), ebenso Gulkin (Bummler), Nejaskin (Fresssack), Sachljobkin (Schluckspecht)  und andere, die vielleicht ebenfalls schon auf einer Flasche gesessen haben. Hier muss ich Potemkin meinen Tribut zollen: was seine onomastischen Fähigkeiten betriff, d.h. das Geschick, seinen Helden klangvolle Namen zu erdenken, ist er ganz offenbar ein Schüler Dostojewskis, allerdings macht mich ein seltsamer Umstand stutzig:  Zwei – drei besonders abscheuliche Protagonisten tragen die Namen ziemlich bekannter noch lebender Schriftsteller, die mit diesen Helden so gar nichts gemein haben. Ihre Namen möchte ich hier nicht anführen, das überlasse ich Kommentatoren, die an offenen Rechnungen zwischen den Schriftstellern und an ähnlichen Details des literarischen Alltags Geschmack finden. Ich aber mache einen großen Schritt über die dreckbeschmierten Gesichter einiger Helden und kehre zu dem zurück, was zu diesen Spuren geführt hat: zur allgemeinen Beschreibung unserer jetzigen Wirklichkeit.

 

Habitus: Aussehen, Mentalität, Verhalten

Bei der ersten Annäherung: ein fröhliches Duell im wüsten Fluchen. Bei genauerem Hinhorchen hört man sowohl blinde Wut, als auch sengende Gehässigkeit, hasserfüllte Verachtung, wilde Rage und manischen Eigensinn heraus. Die moderne Umerziehung der Menschen hat Erfolg:  der neue Russe muss nach dem Aufstehen zunächst ein Wannenbad mit Badezusatz der Firma Christian Dior nehmen, sich mit einer Klinge der Marke Gilette rasieren, sich mit einem Eau de Toilette von Armani erfrischen, seine Cerruti-Unterwäsche anziehen (auf die Details gehe ich nicht ein), eine Krawatte der Firma Brutti umbinden, seinen Brioni-Anzug anlegen,  in die Schuhe der Marke „John Galliano“ schlüpfen …  Und dann darf der Schönling nicht zu bequem sein, die Büchersammlung seiner verstorbenen Eltern in den Müll zu werfen.

Anmerkung: „Unser Mensch ist auch in punkto Dreistigkeit, Gewaltsamkeit, Verhöhnen anderer talentiert, ja sogar genial, allerdings auch wahnsinnig faul“.

Oder so: „Frei im Joch“.

Oder so: „Nur drei Dinge im Schädel: völlige Missachtung alles Geistigen, zügellose Gier nach Luxus, gemeiner Größenwahn“.

Wie soll man in einer solchen Ansammlung vom Eigenschaften den entscheidenden Punkt finden und festlegen, wie mit ihm zu verfahren ist?

Die Meinungen von Experten in einem erdachten Konzil:

„Das Land lebt, es treibt auf die Gesundung zu.“

„Nein! Der baldige Ruin des Landes ist offensichtlich!“

„Das Volk verkommt. Die Innenwelt ist geborsten. Schade.“

„Die russische Welt ist an der Verderbnis erkrankt.“

„Warum ein solch untaugliches Volk vermehren?“

Warum vermehren, indem man die Geburtenrate künstlich erhöht? Es wäre einfacher, die russische Ethnie von außen zu retten. Einfach die im Land fehlende Bevölkerung  mit Leuten aus Indonesien, Sri Lanka, Indien, Vietnam, Kambodscha auffüllen (Es folgt eine Berechnung: wie viele von wo her, und zu welchem Preis). In Russland werden Frieden, Wohlstand und die Völkervereinigung eintreten.  Es wird ein wunderhübscher  afro-asiatisch-europäischer Typ eines neuen russischen Menschen – kraftvoll, schön, arbeitsam …

Wie nett! Makar Nagulnow, der scholochowsche Kosak, der vom Verschwinden der Nationalitäten im Kommunismus träumte, definierte den neuen Menschen noch als „braungebrannt“. Zu Scholochows Zeit konnte man die nationale Frage noch abtun („Mein lieber Ossip Dawydowitsch!“… und das war’s); die Dinge wurden damals nicht vom ethnischen, sondern vom Klassenstandpunkt aus gesehen. Potemkin aber erhebt seine Anamnesen in einer anderen Epoche. Einer Epoche, in der alle Ideen von nationalen Leidenschaften elektrisiert sind. Und alles an einem „Ort der ethnischen Selbstkasteiung“.  So dass der Zusatz „Russe“ bei Potemkin nicht nach einer Zeile im Pass riecht, sondern nach einer schicksalhaften Wahl. Manchmal auch nach einer Katastrophe. Oder es steht für das Warten auf eine wundersame Erlösung, an die nur Sonderlinge glauben. Hilft uns die Modernisierung des russischen Menschen weiter?  Und wenn nicht? „Was denkt sich der Russe nicht alles aus, um seine zügellose Gier zu stillen, die Welt zu begreifen – die innere und die äußere!“

Dieser „russische Geist“ der Potemkins Roman durchdringt, wird nunmehr in einem Kontext diskutiert, der weit entfernt ist von jenem Neuland, das im Jahr des große Umbruchs gepflügt wurde, - im Kontext tausendejahrelangen Pflügens, während dessen sich der Charakter eines Volkes herausbildet, unter Bedingungen, denen es nicht ausweichen kann, in einem Klima, das für Hungersnöte sorgt, in einem Land, das keine natürlichen Besiedlungsgrenzen kennt und keine ausgetretenen Wege, auf einem Feld, auf dem Stämme aneinandergeraten und zusammenstoßen, die sich vorher nicht kannten; und nur die heilige Einfalt rettet alle vor gegenseitiger Schicksalhaftigkeit.

Genau in diesem Kontext hat das russische Thema nichts mit dem Pass zu tun, sondern wird zum Kernthema; und Doktor Paradiesky schreibt in die Rubrik „Krankengeschichte“  schon längst nicht mehr die Schuljungenantwort: „Leibeigenschaft“.

Natürlich ist es im Rahmen einer klar geschriebenen Geschichte auch die Leibeigenschaft. Und darüber hinaus? Und im Kontext der Ewigkeit, die wir doch so lieben? Und in den Fängen des Schicksals, das wir so verfluchen und auf das wir uns so verlassen?

„Ein anderes Schicksal steht dem Russen auch nicht zu. Schließlich berauschen wir uns an Gewalt - an unserer eigenen Person oder an einem anderen,  auf jeden Fall aber einem Landsmann. An Erniedrigungen haben wir uns gewöhnt wie an schlechtes Wetter. In unseren Herzen tragen wir einen schwarzen, irrationalen Drang dazu – die Idee, ständig beleidigt zu werden und uns beleidigt zu fühlen. Und das nicht, weil wir die Welt hassen, sondern es ist eine Projektion der nationalen Mentalität. Der russische Mensch sucht sich, indem er seine Geschichte enträtselt …“

Ständig von anderen beleidigt zu werden und ständig andere zu beleidigen – ist das nicht ein und dasselbe? Kann man diese Purzelbäume schlagenden Pole nicht irgendwie trennen? Sie in ein Gleichgewicht bringen? Eins mit dem anderen wiedergutmachen?

Genau darin besteht Potemkins hauptsächliches psychologisches Experiment und das Grundmotiv des Romans.

In der Rolle des Herrn des Lebens, der über die Untergebenen bestimmt, haben wir einen Oligarchen namens Andrej. Andrej Antonowitsch. Für ihn arbeiten zusammengerechnet mehrere Tausend Menschen. Mit jedem hat er natürlich nicht persönlich zu tun, doch mit denen, an die er heran kommt, redet er etwa in folgendem Ton:

„Ihr kriegt noch mal jeder Tausend Dollar, wenn ihr diesen Schuften eine ordentliche Lehre erteilt. Schlagt möglichst hart zu, immer in die Fresse und auf die Nieren. Besonders den einen, diesen Hübschen … So dass ihre Fressen aussehen wie bei Gaddafi,  nachdem die Rebellen mit ihm abgerechnet haben.“

Der „Hübsche“ hätte Nagulnow gefallen. „Gaddafi“ hilft uns, die politische Bildung des Oligarchen einzuschätzen. Das Wesen seiner Einstellung zu Untergebenen und von ihm Abhängigen besteht darin, sie zu beugen, bis sie ganz klein sind, sie zu Staub zu zerreiben, bis zum Status eines Sklaven zu erniedrigen. Es ist der allgemeine Kommunikationsstil  flegelhaften Herrentums. Von oben nach unten, also bis in die untersten Schichten der uns zuteilgewordenen Megalopolis. Das allgemeine Gesetz heißt „Erniedrigung für alle“.  Um dies im Bewusstsein des Lesers festzumachen, führt Potemkin ihm in den Worten eines Untergebenen einen „normalen [Knast-]Basar“ vor:

„Was hetzt du Sklaventreiber uns so, du Schließmuskel! Was dis fürn Jargon is? He, red mal normal! Ich hab eure Sprache vergessen – fünf Jahre Bau is ne ganz schöne Zeit. Is das Leben an der Luft so anders geworden, dass da nur noch Blödmanner rumlaufen? Und die Bullen quasseln auch nur noch so. Hh? Wie solln wir dann mit denen ackern hier beim Rundgang?  Und wie so einem Amtsschließer mal was stecken, sowas wie: he Sheriff, hör mal, ich drück‘n bisschen Fett ab, damit das Baby singt? Na, Cleaner, hastes begriffen?“

Um das zu begreifen, muss man nicht ständig Jargon reden. Er genügt, wenn Andrej (Andrej Antonowitsch) seinem Gesprächspartner als Antwort auf die Dienstangebote irgendwelcher Mittelsmänner mitteilt:

„Steck sie dir in den Hintern. Entweder bist du krank, oder ein Halunke“, und schon ist klar, wie dieser Held tickt (70 Prozent des Volkes leiden an Oligophrenie, sind also krank; 30 Prozent sind Oligarchen oder deren Schmarotzer, also Halunken). Die Kommunikation besteht aus unablässigen Beleidigungen, die sowohl die einen, als auch die anderen einstecken.

Für die einen (die Flegel) steht der Oligarch Andrej Antonowitsch. Für die anderen (die die Flegeleien erdulden) steht Anton Antonowitsch, eine Persönlichkeit ohne ständige Beschäftigung. Eine Zeitlang ist er Schuhputzer auf dem Bahnhof, duldet die Flegeleien der Bahnhofsbullen. Hat Spaß am Leiden. Die Pöbeleien zu erdulden ist seine Lebensaufgabe.

Hier seine Selbsteinschätzung, die er Doktor Paradiesky präsentiert:

„Die Welt ist wie besessen auf der Suche nach dem Guten. Bei mir aber, verehrter Doktor, ist alles andersrum. Ich suche in jedem Moment nach Gefühlen, die der menschlichen Natur  entgegenstehen. Die Menschheit strebt  zu allen Zeiten nach dem Guten, und ich, ein mikroskopisches Teilchen dieser Menschheit,  verzehre mich nach dem Unguten, oder dem Guten mit einem Minuszeichen davor …“

Dieses Minus bedeutet in der Sprache des materiellen Wohlstands: kein Auto, kein Geld zum Tanken, keine Garage, kein Haus, kein Strom“. Und in der Sprache höherer Werte: kein Augenblick ohne Erniedrigung. In welcher Form auch immer. Vom leichten Stoß eines zufällig Entgegenkommenden bis dass ihn jemand absichtlich mit Schweinedreck übergießt. „Und nicht einfach ins Gesicht spritzt, sondern von Kopf bis Fuß, damit mein Gestank in ganz Russland verbreitet wird.“

 Ein Experiment also, das ganz Russland aufs Korn nimmt. Vielleicht auch die ganze Welt. Ist Flegelhaftigkeit ein Massenphänomen? Und wenn man auf die allgemeine  Pöbelei  mit  … Genuss reagiert? Sich der Gewalt zum Opfer bringt! Diesen Zustand bis zur törichten Macke treibt! Bis ans Limit, und dann das Innere nach außen kehrt! An maximaler Erniedrigung ein Höchstmaß an  Vergnügen findet! Seelischer Aufschwung dank erfahrener Torturen! Süße Selbstkasteiung für Beschimpfungen, Unterdrückung, Rechtlosigkeit usw.  – die jahrhundertealte Liste ist lang in Russland.

Masochist wahrscheinlich, vermute ich, als ich mich in die Rolle des paradiesischen Doktors versetze, aber Anton Antonowitsch warnt mich: Nein, er ist überhaupt kein Masochist, sondern ein Mensch,  „dessen moralische Leiden ihm die Kraft verleihen, im Land seiner Vorväter zu leben“.  In der heimatlichen Megalopolis.

Mit anderen Worten, es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Rettung unseres Volkes, und auch der gesamten Menschheit.

Die Aufgabe ist grandios. Die Mittel rein psychologischer Natur: die eigene Armseligkeit und die eigene Größe in sich vereinen. Die Armseligkeit als Glück empfinden. Das Böse umkrempeln – vielleicht kommt ja Gutes dabei heraus!

So dass, während Andrej Antonowitsch dem unverständigen Gesprächspartner befiehlt, sich etwas in den Hintern zu stecken, Anton Antonowitsch bittet, als sei es eine Gnade: „Schlag mich!“

„Wo der eine die Faust hat, hat der andere ein Loch“ – so pflegte man im letzten Jahrhundert zu scherzen.

Solche Spiegelverkehrtheit hat etwas Imaginäres. Eine Art Blickwechsel zwischen den beiden Hälften eines gespaltenen Bewusstseins. Das wird auch durch das Sujet bekräftigt: Andrej Antonowitsch und Anton Antonowitsch sind Zwillinge, äußerlich nicht zu unterscheiden, als verschwänden sie ineinander.

Das Experiment zur Rettung des Menschen vor dem vollständigen Verschwinden endet mit seinem vollständigen Verschwinden. Um die Durchtrennung seines Bildes abzuschließen (und vermutlich Tolstois „Vater Sergius“ im Hinterkopf), greift sich der moderne „russische Patient“ eine Elektrosäge und säbelt sich den kleinen Finger ab. Dann macht er es sich in der Wanne gemütlich und setzt die Prozedur der „Kürzung seiner selbst“ fort, indem er sich die Zehen absägt.

Das Experiment der Heilung der Menschheit mittels Selbstvernichtung der russischen Pöbelei nimmt einen letalen Ausgang.

„Im Tod liegt mehr Sinn als im Leben.“

Im Finale der Menschheitsgeschichte wartet „irgendeine mystische Katastrophe.“

Fazit:  „Der Mensch hat selbst alles durcheinandergebracht, und die Wurzeln dieses globalen Wirrwarrs sind bereits von mächtigen Trieben bewachsen. Es bleibt nur noch, diesen sündigen Weg weiter zu gehen und auf das natürliche Ende zu warten.“

Das Ende ist eher ein metaphorisches, das in Würde den bildlichen Versuch krönt, die

pöbelnde allgemeine Konsumsucht bis zu ihrer Umkrempelung auszukosten.

Ein natürliches Ende dieser Geschichte setzt einen realistischen Standpunkt voraus: Was, wenn dieser Sonderling von Mensch sich nicht mit der Elektrosäge auslöscht, sondern doch versucht,  in der heimatlichen Megalopolis weiterzuleben?

Oh, man wird ihm nicht die Chance geben! Die Sache ist doch mit verbalen Beschimpfungen und den der Seele wohltuenden Ohrfeigen nicht getan! Man wird ihn im VIP-Reisewagen blutig schlagen (damit er seine Nase nicht überall reinsteckt) und ihn bei voller Fahrt aus dem Zug werfen. Und er wird zur nächsten Bahnstation humpeln und die Erniedrigung genießen.

Nun gut, als Zwillingsbruder des Oligarchen (von dessen heimlichen Almosen er lebt), wird dieser Held seinen symbolischen Lebensweg fortsetzen. Wie aber soll so ein Vertreter der „niederen Geschöpfe“ in der Wirklichkeit einer modernen Megalopolis überleben, in diesem Gedränge der Ambitionen und Begierden?

Auch auf diese Fragen gibt es eine Antwort; und wenn es keine Antwort ist, so doch die Andeutung einer Antwort. Du willst nicht, dass man dich wie einen Schmetterling fängt, wie eine Fliege klatscht, wie eine Küchenschabe mit der Fußsohle zerreibt? Dann werde noch unauffälliger, ganz winzigklein, immateriell, fast körperlos! Sei ein, nein, kein Wurm oder Käfer, sei wie … eine Zelle der Harnblase …

Was ja auch gleich in der ersten Zeile des Romans, die ich als Epigraph genommen habe, kundgetan wird:  In der Megalopolis ist das Leben der Insekten und noch niederster Wesen …

Noch niederster Wesen? Ich fürchte, die Verfechter des künstlerischen Apaekrs werden sich an dieser Wendung festbeißen, da eine Verstärkung des bereits Untersten widersprüchlich und störend wirkt.

Dennoch glaube ich, dass dieser sprachliche Lapsus keine redaktionelle Nachlässigkeit ist, sondern das  seelisch verinnerlichte und intuitiv erspürte Thema der Bereitschaft des modernen Menschen, sich zu jeder Zeit zu erniedrigen und dabei größenwahnsinnig zu bleiben.

Peacularis ist lateinisch: reinigen, sühnen, heiligen, defäkieren.

Aus einem Bouquet verschiedener Bedeutungen wählt Potemkin die härteste.

Ein missglücktes Geschöpf.

Das sind wir.

Zappeln wir uns weiter ab, Landsleute! Eine Diagnose haben wir. Die Medizin sind wir selbst. Ein Ende der Leiden wird es nicht geben, also auch kein Ende des Lebens.

 

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