PROINTELLEKT
PROINTELLEKT

Flucht in ein Gemälde Dalís

Doktor der philologischen Wissenschaften KAPITOLINA KOKSCHENEWA über ALEXANDER POTEMKINS Roman „Solo mono. Die Bewusstseinsreise eines Defätisten“

Kapitolina Kokschenewa,  7 Juli um 15:28 0 236

Wenn man unter „intellektueller Literatur“ den Stil versteht, der gerade die Welt erobert, so hat Alexander Potemkin seine Kündigung der alten Standards eingereicht.

Der Roman „Solo Mono“ erscheint im Jahr des einhundertsten Jahrestages der Revolution von 1917, und es besteht kein Zweifel, dass er genau das revolutionäre Konstrukt beinhaltet, das auch die Künstler jener Zeit bewegte.  Die Gier nach Neuem, die fantastischen futuristischen Projekte der leidenschaftlichen Künstler und Wissenschaftler Anfang des 20. Jahrhunderts haben bei Alexander Potemkin ihre Fortsetzung gefunden. Und das nicht nur in Form einer intellektuellen Utopie;  der Roman enthält reale wissenschaftliche Substanz. In ihm finden wir die neuesten Ideen aus verschiedenen Gebieten der Wissenschaft, eine scharfe Kritik des heutigen Zustands der Welt, aber auch hochaktuelle Publizistik. Mutig schließt der Autor Artikel in seinen Roman ein (vom Haupthelden verfasst), deren aktuelle Universalität möglicherweise noch in hundert Jahren einem wissbegierigen Nachkommen viel über den politischen und humanitären „Alltag“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts vermitteln kann. Indem er im Roman drei Artikel auf Russisch veröffentlicht und gleich noch die Übersetzungen ins Spanische, Englische, Deutsche und Chinesische dazu liefert, siedelt der Autor den Roman gänzlich außerhalb der üblichen literarischen Normen an. Die eleganten chinesischen Schriftzeichen bieten hier zudem ein ganz ästhetisches Bild.

Wir haben einen intellektuellen Roman vor uns.

Wir haben einen totalen Roman vor uns.

 

Warten auf Solo Mono

 

Ich entsinne mich des Werbeslogans einer amerikanischen Versicherungsgesellschaft: „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.“ Das klingt fast frech. Ohne Pardon wird dem Normalbürger die Mahnung ins Gesicht geworfen, dass das Leben eigentlich nur eine „Bewegung in Richtung Ende“ ist. Der Tod aber ist im Grunde inhaltsleer. Ebendieser Weltnormalbürger wird als kollektiver Held zur zweiten handelnden Person des Romans „Solo Mono“. Und der erste? Der erste,  der zentrale Ideenheld,  ist Fjodor Michailowitsch Machorkin (in jedem Potemkinschen Roman gibt es einen Bezug auf Dostojewski, und obwohl dieser Roman von ganz und gar globalistischer Ästhetik ist, findet sich doch ein „nationales Muttermal“ in seinem Antlitz).

Die große universelle Idee („meine Maxime“) – die Schaffung eines “Menschen neuen Typs“  von übermächtigem Hyperintellekt, dessen Name „Solo Mono“ sein soll - erdenkt und beschließt in die Tat umzusetzen ebenjener Machorkin, dessen Nachname für ein solches Superziel zu albern erscheint. (Überhaupt sind die Figuren von Potemkins Haupthelden oft ironisch herabgestuft, ihr erbärmliches Äußeres hingegen ist stark und vorsätzlich übertrieben).

Das intellektuelle Geschöpf (erschaffen auf der Grundlage einer realen biologischen Matrix) hat den Vorteil, dass die Begierden des Homo sapiens es nicht übermannen werden – „ der Geschlechtstrieb, der Wunsch zu töten,  Hochmut,  Habgier, Völlerei“.  Solo Mono wird (wie übrigens auch der Hauptheld selbst, der seine Vernunft auf dieses fundamentale Experiment vorbereitet hat) keinerlei  „abstoßende,  durch willkürliche Mutationen in die Biocoupage hineingetragene natürliche Verdorbenheit“  in sich tragen.

Solo Mono ist ein Wesen, das vollständig aus intellektueller Ratio besteht und völlig frei ist von jeglichen „zügellosen Begierden“:  „Solo Mono wurde faktisch Teil meines eigenen Wesens; außer der Idee, einen Bewohner des Universums zu kreieren, gibt es  und kann es in meinem Kopf nichts geben.“

Solo Mono „muss ein geschlechtsloses Überwesen sein“.  Es  (er) ist „der Herr des Universums“, „der neue Gott“, „der neue Bewohner des Universums“, dem auch der künftige Mensch gleichen wird. Er ist ein fantastisches Idol, in dem alle „Sünden der Natur“ radikal ausgemerzt sein werden. (Mit Hilfe einer Nano-Piko-Femtopinzette und eines molekularen Assemblers wird es möglich sein, einen „neuen Menschen“ zusammenzusetzen, und so fantastisch das auch klingt – eine solche Aufgabe wird von den Wissenschaftlern heute bereits gelöst, die schon „molekulare Assembler“ erstellt haben.)

Solo Mono ist ein Produkt „schöpferischer Zerstörung“, bei dessen Entstehung „moralische Kategorien ebenso wenig eine Rolle spielen, wie in der Evolution des Universums (schließlich trauert heute auch niemand mehr dem Höhlenmenschen und seinen 15 HIC nach, vermutet der Held). Und hier empfiehlt Alexander Potemkin den mit Nobelpreisen geschmückten Intellektuellen ganz unverschämt, die Kenngröße zu wechseln. Anstelle des populären IQ als Messwert für den Intellekt schlägt er einen neuen Index vor:  HIC, higher intelligence consciousness, mit einem Grenzwert von 200. Somit ist der HIC die Einheit für den höchsten Ausdruck des  Bewusstseins.

Solo Mono wird einen Intellekt von 25.000 HIC besitzen, doch „er wird dies nicht für eigennützige und kriminelle Zwecke missbrauchen“. Allerdings wird der Bürger des Universums mit einem solchen Überwesen nicht kommunizieren können – zu unterschiedlich ist das intellektuelle Niveau.  Mit Gott kann der heutige Durchschnittsmensch bekanntermaßen kommunizieren, aber mit dem allmächtigen Solo Mono wird das nicht gehen.

„Alles wird wahr werden! Weil es für das Universum notwendig ist!“ Die Überzeugung des Helden ist total.

Kurz gesagt, die ganze Geschichte der Projektierung von Solo Mono entfaltet sich im Bewusstsein des reisenden Machorkin – der Roman wurde als Monolog verfasst, faktisch als Selbstgespräch, es gibt in ihm nicht einmal Absätze oder überhaupt irgendwelche Gliederungspunkte. Der Held bewegt sich vom Norden in den Süden des Landes, weil sich im Süden ein potentieller Sponsor für das grandiose Weltprojekt befindet. Der Sponsor lehnt es ab, das Projekt zu finanzieren, und Machorkin „leitet“ sein Bewusstsein mithilfe ganz gewöhnlichen Hagedorns auf eine andere Ebene und in eine andere  Welt, schreibt dabei vorsorglich einen ehrlichen „Brief an die Gelehrten“ über die Gefahr der Schaffung eines künstlichen Intellekts.

Die Bewusstseinsreise endet mit einer ganz traditionellen und sehr menschlichen Frage:  Existiert denn nun etwas DORT, auf jener Seite unserer Welt und des Lebens?  Wenn die Erwartung des Solo Mono eine Flucht in die Unsterblichkeit ist, so bestätigt das Finale des Romans nur noch einmal, dass selbst solch ein fantastischer Defätist und Reisender wie Machorkin das Vorgefühl und die Ahnung in sich trägt, dass es IHN gibt, DER größer ist als selbst Solo Mono.

In Becketts Stück „Warten auf Godot“ wird auch die Geschichte zweier Landstreicher erzählt, die ihre Tage in ermüdendem Warten auf Godot verbringen. Die Welt erscheint ihnen als „ungeheure Verwirrung“, und Godot als eine gewisse ordnende Kraft.  Von viel größerer Bedeutung aber ist, dass dieses Warten selbst zum universellen Modell menschlicher Existenz wird.

Mir scheint, dass Solo Mono eine gleichartige Idee ist. Und wenn das russische Ohr in Godot das sich ewig dahinziehende Jahr wahrnimmt [God russ.: Jahr, d. Ü.], so klingt in der Verbindung von Solo und  Mono als kritischer Verstärkung des „Einen“, „Einzigen“ sowohl der Grad der Hoffnung des Helden Machorkin mit, als auch, wie ich anzunehmen wage, die Überzeugung des Autors von einer unsere Welt durchdringenden monogamen Erwartung der totalen Veränderung des Menschen. Übrigens klingt in Solo Mono noch ein anderer Name mit: der des jüdischen Königs Salomo, der auch als salām, oder Schalom, zu übersetzen ist: der Friede (im Gegensatz zum Krieg), aber auch die Unversehrtheit.  Die Idee einer unermesslichen Einzigartigkeit und Abgesondertheit wird assoziativ mit dem Unversehrten, Vollkommenen verknüpft.

Und dieses Vollkommene kann nicht nicht unumstritten sein.

 

Der Weltbewohner

 

Er wird im Roman „Siwomasker“ genannt. Der Name kommt von dem Städtchen (genauer: der städtischen Siedlung) Siwaja Maska in der Republik Komi, aus dem der Held der Geschichte Machorkin stammt, der um seiner Idee vom Solo Mono willen auf jegliche Freuden des Lebens verzichtet: „Beeren pflücken, Puschkin lesen, sich in Maschenka verlieben, Kinder zeugen“, auf Familie und Kameradschaft, Liebe und Glück. Somit ist seine Seele für derartige „Gastfreundschaft verschlossen, sogar vernagelt - mit großen Nägeln …“. Verachtung des Menschen und des Menschlichen in sich selbst kennzeichnet den Helden; hier hat der Autor einen aktuellen Trend der heutigen Kultur überhaupt erfasst.

Im Prinzip handelt es sich um ein „umgekehrtes Mönchstum“ , wie bei einer „schwarzen Messe“ – mit Selbstbeschränkung, Selbstdisziplin, Askese, nur eben … ohne Gott. Dafür mit Solo Mono.

Es ist dieser Siwomasker, der als Typ eines Weltbewohners zum „inneren Opponenten“ Machorkins wird; die Beobachtung dessen Lebens hat den Helden einerseits zur vollständigen Ablehnung der Teilnahme am Leben mit all seinen Freuden, Genüssen (aber natürlich auch seinen Kümmernissen und Nöten)  geführt und andererseits den leidenschaftlichen Wunsch in ihm geweckt, den „vollkommenen“ Solo Mono mit einem fantastischen HIC in die Welt zu setzen (wobei  er bereit ist, eine „Selbstreinigung“ durchzuführen und sich nach dem Vorbild Solo Monos neu zu erschaffen). Der Siwomasker zeichnet sich durch keinerlei nationale Besonderheiten aus; der  Name aber (Siwaja Maska – Graue Maske) ist präzise gewählt: ironisch und sogar etwas theatralisch, drängt sich der Gedanke an die „Goldene Maske“ in unserer Kultur auf, die sich so selbstbewusst und, für meinen Geschmack unbegründet, gegen jegliche „Graue Maske“ behauptet.

Der Siwomasker im Roman ist die Maßeinheit für den heutigen weltweiten Spießbürger und Konsumenten, seine intellektuelle Beschränktheit und moralische Anspruchslosigkeit. Er besiedelt (und das ziemlich dicht) den gesamten Erdball.  Der Siwomasker ist durch jahrhundertelange, spontane Mutationen der Natur „verdorben“, und deshalb dominieren ihn  „ der Geschlechtstrieb, der Wunsch zu töten,  Hochmut,  Habgier, Völlerei“  und so weiter.  „Eine seiner Achillesfersen ist seine zügellose Hypersexualität … Der Egoismus der Bürger von Siwaja Maska versetzt mich ganz fürchterlich in Wut. Meine Frau, mein Haus, mein Hund, mein Gehalt … Die gesamte Wirklichkeit wird in ihrem Bewusstsein zu Eigentum. … In allegorischer Form werden ihnen politische und moralische Doktrinen aufgesetzt, die den natürlichen Möglichkeiten der Siwomasker überhaupt nicht entsprechen. Zum Beispiel die Jahrtausende alte Aufforderung, Gutes zu tun, … bleibt die eines einsamen Rufers in der Wüste“. Den Siwomaskern wird Solo Mono natürlich „als gefährliches Supermonster erscheinen, doch es wird ihnen unter keinen Umständen Schaden zufügen oder sich über ihre intellektuelle Hilflosigkeit lustig machen. Wenn es nötig ist, wird es ihnen sogar Unterstützung und Hilfe gewähren. Es ist völlig klar, dass es an den für den Zeitvertreib meiner Mitbürger so typischen ungezügelten Lustbarkeiten, ausschweifenden Fressgelagen und Festmahlen, an sexueller Hysterie nicht teilnehmen wird.  Das alles ist dem hohen Intellekt fremd“ …  (Von mir markiert –K.K.)

Aus der Sicht der Siwomasker ist unser Held, der nichts „Eigenes“ besitzt und das nicht schätzt, was „alle schätzen“, ein totaler Loser (so betitelt ihn am Ende seiner Reise nicht zufällig auch der Geschäftsmann Pentalkin, der es ablehnt, das Projekt zu finanzieren – ebenfalls ein Angehöriger der Siwomasker Rasse)

Wenn wir uns aber die Helden ansehen, denen Machorkin im Verlauf seiner Reise durch Russland begegnet (ein Mörder, zänkische Weiber, schwere Trinker, grobe Kerle), so sind sie alle jenes „unvollkommene Produkt von Mutationen“ das förmlich nach intellektueller Vervollkommnung schreit. (Die Kritik hat Potemkin schon mehrfach beschuldigt, die Herrenmenschen-Ideologie zu dulden). Es ist wohl nur die Ausländerin aus dem Klub „Der Individualist“, die in gewissem Maße der Idee des Solo Mono entgegenkommt. Auf geistreiche Weise beschreibt der Autor die Ideologie der Politikverdrossenheit, Kulturlosigkeit, Unbildung. (Die Mitglieder dieses Weltklubs „haben die Zivilisation freiwillig verlassen“, ihr Credo ist „Abgeschiedenheit und Individualismus: Leben und sich dabei als Teil der Natur fühlen und nicht als Teil der sozialen und produktiven Ressource einer, vielleicht sogar erfolgreichen und effektiven, Gesellschaft“;  sie schließen „aus ihrem Leben Sex, den Wunsch nach Bereicherung und persönlichem Besitz“ aus und genießen bei  ihren Klubtreffen lediglich „einsame Szenen der Harmonie“).

Es besteht kein Zweifel daran, dass der HIC dieser Dame – einer Propagandistin und Anhängerin der Antizivilisation – höher ist als der aller weiteren Protagonisten, denen wir begegnen, doch auch er genügt dem Reisenden Machorkin nicht.

 

Das zivilisatorische Debakel

 

Von der Ablehnung des Siwomaskers als solchen gelangt der Held im Grunde zur totalen Kritik an der modernen Zivilisation und verübt einen eigenwilligen „Verriss der Zivilisation“. Und dafür führt er folgende Motive an: „Kann denn etwas schrecklicher und inakzeptabler sein, als ein langes, glückliches Leben als Manager einer Handelsfirma für Staubsauger, Aquarien, Benzin? Als Händler in Kacheln, Obst und Gemüse, Seife? Oder als Spaß an der Betrachtung eines Fußballspiels zu haben? Oder daran, modische Kleidung anzuprobieren und zu tragen? Oder ein Wiener Schnitzel zu genießen? Pfui, pfui!  Wie widerwärtig! Wie schändlich! Wach auf, wach auf, Siwomasker! Stell dir wahrhaft grandiose Aufgaben, um Jahrhunderten wilder Mutationen zuvorzukommen! Entspring deiner verklemmten Individualität, lass dich vom kosmischen Wind erfrischen, um die Fesseln der heutigen, vulgären Zivilisation abzuwerfen!“

Alexander Potemkin erweitert den literarischen Raum des Romans, indem er ihn mit dem historischen Gedächtnis der Menschheit auffüllt. Dieses Gedächtnis bewahrt sowohl eine Menge Schmerz und Leiden, aber auch wissenschaftliche Hypothesen, Entdeckungen von Weltrang. Wie viele Probleme unsere Gegenwart auch enthält – ihr Ursprung muss wiederum oftmals in der Geschichte gesucht werden.

Die vom Romanhelden geschriebenen und vom Autor in den Roman eingefügten Artikel lassen es tatsächlich nicht an einer frischen Blickweise fehlen und setzen den Finger präzise auf die Schmerzpunkte der Gegenwart.  Ukraine, Syrien, Zerfall der UdSSR, Köln, Flüchtlinge, Islamisten, Korruption … Doch nicht, damit der Leser einfach nur erfährt, was „in jedermanns Munde“ ist, schreibt der Held seine Artikel: „SOS: wo bist du, meine Religion?“ (1. Artikel), „EU, neue Strategien“ (2. Artikel), „Das Gedächtnis – ein gefährlicher Abgrund“ (3. Artikel).  Er betreibt eine andere Strategie: Im Grunde will er der Welt zeigen, dass die Welt nicht begreift, nicht wahrnimmt, dass sie „mit dem Bösen schwanger geht“.  Wenn der Held (und wie anzunehmen ist, auch der Autor des Romans) für Europa einen Ausweg in der Formel „Ein Europa – eine Regierung – ein Gesetz – eine Religion“ sieht, so besteht die Chance für die Welt insgesamt in der Erinnerung an die vergessene Angst vor dem Kernwaffenpotential auf dem Planeten.  Wenn alle Arten von Konflikten – politische, religiöse, soziale – die Welt überziehen, dann können sich auch einzelne Länder nicht herausretten. Der Mensch aber „steht Schlange um Leben“, wobei in ihm immer wieder „unbeherrschte Konsumgier, die ihm mit unheimlichem Nachdruck sinnlose Waren aufdrängt“ entbrennt. „Und dann die täglichen Werbeattacken auf die Psyche, die bei Fehlen der nötigen Geldmittel in den Massen Minderwertigkeitskomplexe  hervorrufen! Und die politische Lügenkonjunktur, die sich aus allen medialen Quellen ergießt! Und der multikulturelle Radikalismus, der das Nationalbewusstsein unterdrückt!“ …

Die bitterste Diagnose unserer Zivilisation seitens des Romanautors ist wahrscheinlich das völlige Fehlen einer Ausrichtung auf das Verstehen und Gedenken, das „Vergessen und Verdrängen“ historischer Erfahrungen (kennzeichnend hier das Beispiel der Nationalitätenpolitik der UdSSR).

„Die Hölle der Verständnislosigkeit“ brennt auf den Seiten des Romans und bringt das Bewusstsein des Protagonisten zum Kochen.

 

Die Weiten des Bewusstseins nach Salvador Dalí

 

Salvador Dalí ist der dritte Held des „Bewusstseinsromans“ von Alexander Potemkin. In Fjodor Michailowitsch Machorkins Bewusstsein erstehen ständig die surrealistischen Bilder des „großartigen Spaniers“ Dalí  (1904-1979). Das sind  „Der Apotheker von Ampurias auf der Suche nach absolut Nichts“, „Von den Hörnern ihrer eigenen Keuschheit autosodomisierte jugendliche Jungfrau“, „Geopolitisches Kind beobachtet die Geburt des neuen Menschen“, „Der Todesbote“, „Paranoia“, „Der Thunfischfang“, „Der unsichtbare Mann“, „Paranoid-kritische Einsamkeit“, „Napoleons Nase, verwandelt in eine schwangere Frau, seinen Schatten mit Melancholia zwischen originalen Ruinen herumschwenkend". Nicht zufällig (der Held schreibt: „Warnung an die Welt“ vor dem künstlichen Intellekt) endet im Roman die Vision von Dalís Bild Maximale Geschwindigkeit der Madonna von Raffael“ mit dem Zerfall des Bildes in seine „Atome“.

Es ist Dalí, mit dem die Exzesse des Irrsinns des Protagonisten verbunden sind, dessen Reflektionen über den Kommunismus, den Ruin der Länder und der Entstellung der Welt.  Es ist Dalí, der zum schöpferischen Resonanzboden jenes intellektuellen Fluges des Potemkinschen Helden wird, dem sich mal die „bezaubernden Töne des Universums“ eröffnen, oder der sich in „von irrationalen Visionen umwobenen“ Träumen als einen von dem fantastischen Spanier geschaffenen „zerpflückten Helden“ wiederfindet („Ich war mir völlig sicher, dass ich genau so ‚salvadorisch‘ aussah“).

Im Grunde ist Alexander Potemkins Roman auch ein (in Worte gefasstes) Bild Dalís. Die endlose „Reise in sich selbst“ des Protagonisten, wie auch die durch die Geschichte menschlicher intellektueller Entdeckungen hat eine vergleichbare Wirkung wie die zerschmelzende, zerrinnende Zeit vor dem Hintergrund einer kargen, nackten Landschaft in dem Bild „Die Beständigkeit der Erinnerung“.  Die gewohnte Ordnung ist zerstört. Das Offensichtliche wird unwahrscheinlich. Und umgekehrt.

 

Es ist nicht leicht, A. Potemkins Fähigkeit zu „gedanklichen Inhalten im Grenzbereich“  zu ertragen (eine der Ursachen, weshalb die Nachfrage nach solcher Literatur – nach „grimmigem intellektuellem Terror“, wie ein Bekannter von mir sagte – heute sehr gering ist).

Das ewige Warten seines Helden auf Solo Mono organisiert der Schriftsteller in linearer Abfolge: Tag, Nacht, Weg, Ziel.  Jeder neue Tag beginnt mit neuem Warten, das Warten aber wandelt sich allmählich zu etwas Unerträglichem – zur Folter des Bewusstseins.  Wie bei Dalí ist die Zeit entwirklicht (ihre realen Konturen nehmen wir hauptsächlich durch die in den Roman „einmontierten“ Artikel wahr; dem Autor ist hier eine eigenwillige und äußerst moderne „Publizistik.doc“ gelungen). Die Wiederholung der immer selben Handlungen und Gedanken durch den Protagonisten schafft (wiederum wie bei Dalí) den Effekt eines in die Ewigkeit Katapultiertwordenseins.

Das Wort „Dáli“ bedeutet auf Russisch „Weiten“ oder „Ferne“. Bei Potemkin sind Dáli und Dalí verschmolzen.

Die Komposition des Romans ist eine lineare Struktur, die in jenseitige Gefilde reicht. Aus dieser Zielrichtung kann der Leser seine Schlüsse ziehen: Entweder demonstriert diese Pfeilgerade des Weges die völlige Inhaltslosigkeit des Lebens. Oder sie ist ein Hinweis darauf, dass das Leben auch „hinter dem Horizont“ unendlich ist.

Im Roman ist das gesamte menschliche Geschlecht (der Normalbürger, der Siwomasker) im Bewusstsein des Helden versammelt. Er „steht und guckt zu“, wie „dieses  unglaubliche Spektakel einer sterbenden Welt“, das er aus dem Blickwinkel des Alexander Potemkin wahrnimmt, für ihn trotz allem nicht voller Tod, sondern voller Leben ist. Nach wie vor mag er „Beeren pflücken, Puschkin lesen, sich in Maschenka verlieben, Kinder zeugen“.  Und der stete Wechsel von Leben und Tod erscheint ihm ganz und gar nicht sinnlos.

Ohne es zu merken, wechselt der Leser auf die Seite des „Normalbürgers“.

Der Schriftsteller bleibt in seiner gewohnten Einsamkeit, und „melancholisch führt er“ seinen Helden durch die Ruinen der Zivilisation.

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