PROINTELLEKT
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The Guardian: Russische Klassiker als Gefahr

Alexander Potemkin,  25 Januar um 13:28 0 57

Anfang letzten Jahres führte die Forschungsorganisation „Lewada-Zentrum“ eine Umfrage unter der russischen Bevölkerung durch. Gestellt wurde eine einzige Frage: Welche herausragenden russischen Schriftsteller können Sie nennen? Im Ergebnis wurden folgende Zahlen veröffentlicht: Lew Tolstoi (45%), Fjodor Dostojewski (23%), Anton Tschechow (18%). Unter den ersten zehn waren weiterhin Alexander Puschkin (15%), Nikolai Gogol (13%), Michail Scholochow (13%), Michail Bulgakow (11%), Iwan Turgenew (9%), Maxim Gorki (7%) und Michail Lermontow (6%).
3% der Befragten (insgesamt wurden 1.600 Menschen befragt) nannten Darja Donzowa und Boris Akunin, 4% verwiesen auf Nikolai Nekrassow, Alexander Kuprin, Iwan Bunin, 5% auf Alexander Solschenizyn.

Diese Zahlen widerspiegeln interessante Prozesse. So sehr solche Namen wie Ustinowa, Donzowa, Roy, Schilowa, Poljakova, Marinina und die anderer "bekannter Schriftsteller" auf dem Markt auch lanciert werden, sie führen im Bewusstsein der Leser nicht die Liste der "Klassiker von heute oder morgen" an.Ganz gleich, welche Anstrengungen die Buchmagnaten darauf verwenden, eine massive Schicht von Unterhaltungsliteratur zu schaffen - sie können die Klassiker des "Goldenen Zeitalters" nicht verdrängen. Es ist ihnen nicht gelungen, ja, es hat sich gar als fast unmöglich erwiesen, die Gesellschaft glauben zu machen, die klassische Literatur sei veraltet und könne leicht durch moderne Schreiber ersetzt werden, in deren Förderung gewaltige Mittel investiert werden.

Geschäft ist Geschäft (und Buchdruckmaschinen funktionieren ebenso zuverlässig wie  Maschinen zum Drucken von Geld), und Literatur ist Literatur. Monetarisierung, umfangreiche Werbung, der Ankauf ganzer Regale in den Geschäften für moderne Trivialliteratur, die "Publikmachung" dieser Autoren in allen möglichen Talkshows im Fernsehen und  Rundfunk führen zu Renditen, aber nicht zu Anerkennung. Der Leser erwirbt zeitgenössische Autoren, um sich nach harter Arbeit und täglichem Verkehrsstress „zu entspannen und abzulenken".  Wie oft kann man Sätze hören wie: „Wenn  ich ein paar Seiten von diesem Schwachsinn lese, schlafe ich schneller ein und brauche keine Schlafmittel".

Für eines aber sind diese Schmöker gänzlich ungeeignet:  für die eigentliche Aufgabe der klassischen Literatur -  die Menschen geistig und seelisch reicher zu machen.

Kultur, Wissenschaft und Zivilisation sind "mehrstöckige Gebäude". Absolventen von Universitäten, Schullehrer, Angestellte von Forschungsinstituten, Universitätsprofessoren, Shores Alfjorow, Aleksej Abrikossow nennen (oder nannten) sich  Physiker. Es ist jedoch nicht zulässig, sie, ohne ihre Leistungen und ihren Beitrag zur Wissenschaft zu berücksichtigen, auf eine Stufe zu stellen. Ebenso ist nicht zulässig, Donzowa und Bulgakow, Ustinowa und Scholochow, Roy und Pelewin auf eine Stufe zu stellen. So wie man die Komplexität baulicher Konstruktionen nicht gleichsetzen kann: die einer Sperrholzbaracke, eines Plattenbaus, eines Gebäude aus Glas und Beton und des Winterpalais in Sankt Petersburg. Sie können und dürfen nicht auf ein und derselben Rangstufe der Kunst und Architektur stehen. Genau dieses Modell aber wird der Gesellschaft derzeit von liberalen Kulturwissenschaftlern aufoktroyiert. Und das nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Ländern. Egal, was und wie ein Mensch schreibt, baut, zeichnet, komponiert - fügt er „Buchstaben zusammen", ist er ein "Schriftsteller" (wenn auch einer ohne Inspiration),  ein „Schöpfer" (auch wenn er eher an einen „Dekonstrukteur“ erinnert), ein „Künstler" (auch wenn er eigentlich gar nicht zeichnen kann). Creative-Ranking als Status ist keine demokratische Kategorie. Darf der durchschnittliche „Dramatiker und Schriftsteller", der schmerzhaft eifersüchtige J. Poljakow wirklich in einen Topf mit Anton Tschechow geworfen werden? Es ist, als wolle man mit großer Konsequenz  nicht den Unterschied erkennen zwischen einem aufgeblasenen motorgetriebenen Schlauchboot, mit dem man, wenn keine Wellen sind, irgendwie am Ufer entlangfahren kann, und einem fünfzehnstöckigen Kreuzfahrtschiff, das die Meere durchpflügt. Oder den Unterschied zwischen einem Sturm im Ozean und einem Sturm im Wasserglas, und zwar einem mit trübem Wasser gefüllten Glas. Jeder und alles sollte seine eigene „Produktkennzeichnung“ haben: keinen Stern, einen Stern, zwei oder drei Sterne und so weiter. Unglücklicherweise aber ist es heute so, dass es nicht die Literatur- und Kunstprofessoren sind, die den Stempel setzen, sondern die „Professoren“ des Business. Und somit geht hohe schriftstellerische Klasse in der Masse Geldes unter. Tiefgründigem Schaffen und wahrer Kunst stehen schablonenhafte Herz-Schmerz- und Kriminalintrigen gegenüber. In den Erzeugnissen moderner Schreiberlinge dominiert ein Triptychon die Handlungen, Ideen und Wünsche: Sex, Profitsucht, Verbrechen.

Sind das die wichtigsten Themen der modernen Zivilisation?

Es ist interessant, wie manche europäischen Medien auf diese russische Sozialstudie reagiert haben.  Es hagelte auffällig politisierte Überschriften und Argumente: „Wie eine Umfrage kürzlich ergeben hat, mögen die Menschen im heutigen Russland keine lebenden Schriftsteller" (Phoebe Taplin, The Guardian). Die beständige Verehrung der Klassiker, die im Bewusstsein der Massen nach wie vor an der Spitze der kulturellen Pyramide stehen, wird der aktuellen ideologischen Agenda angelastet, weil man glaubt, die Vorrangstellung der Klassiker folge einem bestimmten "offiziellen Kurs". Die Leute würden diejenigen lesen, die von den Machthabern befürwortet werden.

Hier zerfällt das Problem in zwei Teile. Zum einen gibt es unter den Liberalen Russlands Vertreter der Berufsgruppe, die das ungefähr genauso sehen wie der britische Guardian. Das heißt, die derzeit Regierenden hätten die Idee der "russischen Kultur" und der "russischen Klassiker" zur nationalen Grundidee und zum Fundament der nationalen Identität erhoben. So mache man die "russische Kultur" zu einem Faktor, der zur Einheit der Gesellschaft beitrüge. Dies gefällt ihnen ganz und gar nicht. Es gefällt denen nicht, die glauben, eine solche Sicht der Klassik und der russischen Kultur erlaube es, "die in der Gesellschaft existierenden Spannungen ethnischer, religiöser, sozialer oder politischer Natur zu übergehen" (also zu ignorieren).

Warum eigentlich sollten wir nicht danach streben, die Spannungen „zu übergehen“?  Wenn in der Klassik und der traditionellen Kultur Bedeutungsinhalte allgemeiner Natur erkennbar sind, wird dies als negativ angesehen, wird sie hingegen so interpretiert, dass sie kaum noch zu erkennen ist, erscheint dies schätzenswert. Die Kultur ist schließlich nicht nur dann eine „Fortsetzung der Politik“, wenn sie Menschen verbindet, sondern auch, wenn sie einen Keil zwischen die  Menschen treibt. Übrigens schreckt allein der Begriff „Kulturpolitik“ einen Teil der kreativen Gemeinschaft derart, dass sie schon Zeter und Mordio schreien,  bevor irgendjemand irgendetwas verboten, abgeschafft, geschlossen hat, wenn der Staat überhaupt erst versucht, Übereinkünfte mit der Gesellschaft zu treffen -  genau jener Bürgergesellschaft, die unsere heutigen Kulturerneuerer so herbeigesehnt hatten. Nun aber ruft allein eine angestrebte Grundsatzvereinbarung bereits eine Unmenge an Protesten und den Wunsch hervor, über das Thema a priori nicht zu verhandeln.  Alles sei schon klar. Hier sehen wir, wie sich genau jene verhalten, die es gewohnt sind, dank staatlicher Stipendien „schöpferisch zu sein“, ohne dabei selbst bürgerliche, staatliche oder genderbezogene Verantwortung zu übernehmen. Ohne ein solches zivilisatorisches Gepäck aber kann man nichts Nennenswertes schaffen.

Unlängst war ich bei einem Theaterstück im derzeit angesagten Moskauer Elektrotheater „Stanislawski“… Ich möchte die sogenannten Innovatoren daran erinnern, dass Kreativität vom Intellekt angeregt wird, und dass das Gewissen an der Schaffung, der Schöpfung eines künstlerischen Werkes beteiligt sein sollte, unbedingt beteiligt sein muss! In diesem Theaterstück aber fehlte das Wichtigste: es gab weder geistige Aktivität, noch freies Denken, noch die in Jahrausenden entwickelte Moralität (auch wenn diese sich mit den Zeiten wandelt). Es gab nur ein pervertiertes, a priori vorgegebenes „Postulat“: möglichst effektvoll die niederen Gefühle der Zuschauer anzusprechen. Entsetzt von dem, was ich gesehen und gehört hatte, flüchtete ich nach fünfzehn Minuten aus diesem „innovativen“ Theaterstück.

Andererseits bedauert die Autorin des Guardian, dass nicht Autoren wie Ljudmila Ulizkaja, Boris Akunin, Michail Schischkin, Vladimir Sorokin unter den ersten zehn genannten namhaften Schriftsteller Russlands waren. Sollte man wirklich aus dieser ersten Gruppe anerkannter Autoren Tschechow und Bulgakow entfernen und stattdessen Schischkin aufnehmen? Oder Sorokin? Akunin? Diesen gebührt ein Platz am Ende der ersten Hundert …

Da die oben genannten Autoren in der Liste der herausragenden Schriftsteller fehlen, bleibt natürlich nur der Schluss, dass „die Ergebnisse der Umfrage die Tendenz annehmen lassen, die Befragten gingen lieber auf Nummer sicher und unterstützten die offiziell sanktionierte Hierarchie“. Mit anderen Worten, die Teilnehmer hätten bei der Befragung durch die Soziologen Angst vor Verhaftung gehabt. Warum aber wird dieser Umstand (wie in der erwähnten Publikation geschehen) mit solcher Gewissheit dem heutigen russischen Regime angelastet, und nicht als kulturelles Relikt der sowjetischen Hochkultur angesehen? Aber Bulgakow lässt sich wohl kaum den offiziellen sowjetischen Schriftstellern zuordnen.

Das vom Westen zu sowjetischer Zeit so sehr geförderte „Andersdenken“ gerät erneut in Mode. Nicht zufällig erscheint in derselben Ausgabe der Zeitung ein Text der Übersetzerin von Swetlana Alexijewitsch, Anna Gunin, die ihre eigene Rangliste der russischen Literatur vorschlägt. Und die feststellt, dass der offizielle Schriftsteller Gorki, Liebling der Machthaber (was natürlich stark übertrieben ist – man kann Gorki, auch wenn in diesem Jahr sein hundertfünfzigstes Jubiläum begangen wird, auf keinen Fall zu den „offiziellen“ oder „von den Machthabern der Partei geliebten“ Schriftstellern rechnen – A. P.), in der Rangliste weit höher steht als die „andersdenkenden“ Schriftsteller Platonow und Bunin. Das wiederum ist ihr Anlass zu behaupten, dass „das heutige russische Publikum zu politisch nicht kontroverser Kunst tendiert“.

Diese Kunst sei gewissermaßen das Ergebnis einer erneuten Sowjetisierung.

Wenn aber die russische Kultur aus Sicht des Guardian eine erneute Sowjetisierung durchlebt, dann stellt sich die Frage, warum die russische Klassik einen derart hohen Stellenwert hat. Was haben Tolstoi, Dostojewski und Gogol mit einer Sowjetisierung zu tun?

Ich nehme an, dass hier andere Motive eine Rolle spielen: man will die Klassiker und die Moderne, die Leser und die Schriftsteller gegeneinander ausspielen. Wenn eine Umfrage in England ergibt, dass bei ihnen die Klassiker an erster Stelle stehen, so wird das als ganz normaler Konservatismus ausgelegt (was die Zeitung so auch schreibt), kommt hingegen das russische Lewada-Zentrum zu demselben Ergebnis, dann wird dies hundertprozentig als Konservatismus angesehen, „der über die für literarische Umfragen normale Nostalgie hinausgeht“.

Übrigens hat die Autorin des Artikels über russische Leser und Schriftsteller mit Recht die Gefahr gespürt. Die russische Literatur und Kultur sind tatsächlich gefährlich, denn sie stellen die Goldreserve des Landes dar, sein gewaltiges und unschätzbares kulturelles Kapital. Ein riesiges Potenzial, aus dem jeder russische Bürger Inspiration und Kraft schöpft. Eine Berührung mit diesem Potenzial bewirkt, dass sein ursprünglicher Geist über den modernen abstrakten Universalismus und die aktuelle Politik triumphiert, die den Mythos einer „totalitären Bedrohung“ seitens der russischen Kultur unterstützen. Sie fürchten tatsächlich, dass historisch-kulturelle Motivationen zu politischen Strategien führen könnten (die Briten erwähnen gern die Krim, wollen aber nichts von Gibraltar, die Falklandinseln oder andere besetzte Territorien hören). Sie (die Briten) werden stets ein größeres Interesse haben, sich auf jene Schriftsteller und Kulturschaffende zu berufen, die meinen, dass sie „in einem Land mit unveränderter Sklaverei“ lebten, dass sich die Leibeigenschaft und der Archipel Gulag  „in Russland aufgelöst und beinahe jeden Russen durchdrungen“ hätten. Liest man die russische Literatur aber gründlich, so entsteht ein ganz anderes Bild: das von der Freiheit der russischen Menschen, aber auch ihrer Fähigkeit, diese Freiheit zu opfern, um, nicht zum ersten Mal, ebenjenes Europa zu retten.

 

Das ist es, was die Leserumfrage tatsächlich gezeigt hat: die Literatur Russlands ist ganz und gar kein Friedhof unfreier Schriftsteller. Und die Klassiker sind, solange sie gelesen werden, keine Denkmäler, sondern das Brot der Kultur.

PS: Sehr geehrte Mrs Phoebe Taplin! Ich habe mir Ihre Website angesehen. Sie sind ein energischer und begabter Mensch. Ihre Kenntnis der russischen Literatur allerdings ist, um es freundlich auszudrücken, schwach. Ich empfehle Ihnen, sich einmal persönlich die Vorlesungen namhafter russischer Literaturwissenschaftler und Philosophen über moderne Literatur anzuhören: Professor Dr. Kapitolina Kokschenewa, Natalia Smirnowa, Sergej Antonenko, Michail Maslin; es wäre auch nicht zu Ihrem Schaden, liebe Mrs Taplin, einen Blick in die Bücher von Sergej Averinzew, Juri Lotman, Alexander Pantschenko, Dmitri Lichatschow zu werfen. Sie würden ihre Kenntniss der russischen Kultur vertiefen und ihre Artikel würden nicht nur von den Briten, sondern auch von einem breiten russischen Publikum gelesen werden.

Der Mensch ist ein seltsames Wesen, das über die volle Freiheit der Gedanken, Handlungen und Lebensentwürfen verfügt, seiner Inspiration folgt und mithilfe verschiedener miteinander kombinierter Linsen das Chaos im eigenen Kopf betrachtet, es hegt und pflegt, das Bilder schafft, die den Menschen erhöhen, seine Besonderheiten aufzeigen, das sich für sein Bewusstsein begeistert und dann wieder. Mit einem Mal, ohne erhabene Gefühle vor dem Nichts steht! Seltsame Menschen gibt es im einundzwanzigsten Jahrhundert! Ich spreche von mir selbst!

 

PPS: Ich übersende Ihnen meine Roman „Kabbala“ (auf Englisch). Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich nach der Lektüre unter der Nummer 399 in die Rangliste russischer Schriftsteller eintragen könnten.

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