PROINTELLEKT
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„Kabbala“ oder der neue „Faust“ des Alexander Potemkin

VALENTIN NIKITIN, Kulturwissenschaftler und Literaturwissenschaftler, über ALEXANDER POTEMKINS Roman „Kabbala“

Valentin Nikitin ,  7 Juli um 15:41 0 545

Die Literatur erscheint Alexander Potemkin die interessanteste und praktischste Weise zu sein, den Geheimnissen des Lebens, und vor allem der Welt des Menschen mit allen Winkelzügen der menschlichen Psyche, auf den Grund zu gehen. Und zwar genau  so: nicht mittels der Selbstdarstellung (Hierin unterscheidet er sich von anderen Schriftstellern), sondern durch Erkenntnis im Prozess der eigenen intellektuellen Entwicklung, durch den Ausbau und Einsatz seines intellektuellen Potentials. Unter den Bedingungen moderner Massenmedien, die jeden Schriftsteller einer gewaltigen Konkurrenz aussetzen, hat sich der Schriftsteller bewusst die Aufgabe gestellt, seine literarischen Werke konkurrenzfähig zu machen.

Diese Aufgabe, die man als grundlegend bezeichnen kann, versucht er dadurch zu realisieren, dass seine Werke von außerordentlichem Informationsgehalt durchdrungen und höchst energiegeladen sind.

A.P.  Potemkins Roman „Kabbala“ bestätigt, wie treu der bekannte Schriftsteller diesem Prinzip bleibt. „Eine Dichtung für mich selbst“ – so offensichtlich provokant fordert der Autor im Untertitel des Romans den Leser heraus, als bräuchte er ihn eigentlich gar nicht.

Was das Genre betrifft, so ist der Roman am ehesten ein ideologischer Roman, der in sich die Merkmale einer Utopie und gleichzeitig einer Dystopie vereint, gewissermaßen bahnbrechend, in ultramodernem Format. Sein Utopismus besteht darin, dass seine Haupthelden geradezu erpicht darauf sind, in der Virtualität zu verschwinden; zum Allheilmittel gegen alles Böse, zum Stein des Weisen, zum Rettungsanker wird für sie die Droge.  Der Antiutopismus des Romans besteht in der entschlossenen Negierung der Möglichkeit an sich, im Angesicht der globalen Probleme eine vollkommene Gesellschaft zu errichten. Und das nicht nur in Russland. Der Autor verallgemeinert, bezieht die Situation auf den gesamten Planeten. Es ist offensichtlich, dass genau das die gewaltige intellektuelle Spannkraft des Romans und sein warnendes, ja prophetisches Pathos ausmacht.

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Potemkin schreibt mit  einem offenen Seitenblick auf Dostojewski, das ist augenfällig. Selbst bei der Auswahl der Namen seiner Charaktere orientiert er sich klar an dem berühmten Schriftsteller. Parallelen zu Dostojewski drängen sich gewollt und ungewollt auf. Die infernalischen Wahnbilder des Professor Koschmarow lassen an die Szene des Albtraums im Roman „Die Brüder Karamasow“ denken, in der Iwan Karamasow mit dem Teufel spricht, aber auch an „Die Dämonen“, wo das Thema zuerst aufgegriffen wird.  Doch Potemkin geht weiter als Dostojewski.  Die Romanhelden führen all ihre ideologischen Dispute im Trance des Drogenrauschs.  Meisterhaft und psychologisch sehr überzeugend werden die Entzugserscheinungen nach dem Drogenkonsum beschrieben.

Offener, mitunter vorsätzlicher Allegorismus ist eine bevorzugte Technik des Autors; im ideologischen Zwiegespräch seiner Romanhelden wird  die Beziehung zwischen Form und Inhalt aufgrund von Ähnlichkeit offenbar. Wir wissen, dass der bildhafte Ausdruck der Allegorie vorrangig in Fabeln und in Moralitäten verwendet wird - lehrhaften allegorischen Dramen, in denen die verschiedenen Figuren menschliche Tugenden und Laster verkörpern. So ist es auch in Potemkins Roman.  Seine Figuren kontrastieren sehr stark in ihrer Brillanz. Der Allegorismus war kennzeichnend sowohl für die mittelalterliche Kunst, als auch für die  Renaissance; später prägte er den Stil des Manierismus, der sich durch extreme Raffiniertheit der Form auszeichnet. Ich würde Potemkins Stil mit einigen Einschränkungen als Neomanierismus bezeichnen.

Kompositorisch besteht der Roman aus zwölf umfangreichen Kapiteln, die dem Leser wahrscheinlich als zu umfangreich erscheinen, um die Entwicklung der Fabel im Blick zu behalten. Die sprachliche Palette des Romans ist breit und farbenreich, wenn auch eindeutig überladen mit Begriffen aus verschiedenen Fachgebieten der Ökonomie und Soziologie, Wissenschaft und Technik,  Geschichte, Theologie und auch  Jargon.  Allerdings gelingt es dem Autor auf diese Weise, seine „umwerfenden“ profunden Kenntnisse zu demonstrieren, die den Leser bisweilen aufs Äußerste verblüffen. Bei vielen, vor allem unter den Literaturwissenschaftlern, führt dies zu offener Verärgerung, aber manch ein Kenner und Bewunderer  moderner Informationstechnologien wird mit Sicherheit entzückt sein.

Die Grundidee des Romans stammt aus dem Arsenal der Eugenik: die russische Nation soll genetisch gerettet werden, indem man uns fremdländisches und andersgläubiges Blut in unterschiedlichem Verhältnis beimischt: zu  15% deutsches, zu 10% chinesisches,  zu 10% jüdisches und 5% georgisches Blut. Dies empfiehlt der Autor allen Ernstes als Allheilmittel unter den Bedingungen der globalen (einschließlich der demographischen) Krise, zum  Schrecken und zur Indignation der Verfechter der ethnischen und konfessionellen Reinheit. Seine numerischen Berechnungen machen dem Ökonom  (der Autor ist Doktor der Wirtschaftswissenschaften) alle Ehre, sind jedoch unserer Meinung nach aus Sicht der christlichen Anthropologie in hohem Maße anfechtbar.

Das Christentum gründet sich auf die Offenbarung eines lebendigen, personalen Gottes, der den Menschen zu Seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf. Der christliche Gedanke übernahm das Beste aus der antiken Philosophie, in der es bereits die Ahnung einer Offenbarung gibt, hier genügt der Hinweis auf Sokrates und seinen Aufruf zur Selbsterkenntnis. Für den Christen soll eine solche Selbsterkenntnis zur demutsvollen Erkenntnis der Schönheit des Ursprünglichen führen, zu moralischer und seelischer Selbstvervollkommnung, in Güte und Weisheit, auf dem Weg bewusster Askese.

Natürlich weiß Potemkin das, er ist auf diesem Gebiet kundig genug. Der Stolz des Schriftstellers, sein in hohem Maße ausgeprägtes Gefühl der Autarkie hindert ihn daran, zur evangelischen „geistlichen Armut“ zu finden; jedoch nimmt einem Schriftsteller, und sei er noch so talentiert, vor dem Jüngsten Gericht  niemand die Verantwortung für dieses Wissen ab, und er wird über noch etwas Rede und Antwort stehen müssen: seine Begabungen …

Betrachten wir die moderne Prosa,  so zeichnet sich Potemkin durch seine außerordentliche Aktualität  und seine tiefgehende, man kann sagen, unter Qualen erlittene Wahrheitssuche aus. Doch kommen wir wirklich zur Wahrheit,  erfahren wir die Katharsis,  wenn wir dieses ohne Frage eindrucksvolle Werk lesen?

In dem Roman tritt Alexander Potemkin wieder einmal als beispielloser Provokateur nicht nur des Christentums, sondern auch der anderen Weltreligionen auf.  Der provokante Charakter seines Denkens und seiner Erkenntnis  ist offenkundig, er induziert kaum abzuschätzende scharfe Leserreaktionen.

Doch während der Schriftsteller uns in früheren Werken vor der nahenden anthropologischen Katastrophe warnt, mahnt er in seinem neuen Roman nicht mehr nur, sondern alarmiert uns hinsichtlich der demographischen und genetischen, allgemeinen und globalen Katastrophe. Wie wissen aus der Schrift:  Ein Prophet gilt nirgendwo weniger denn in seinem Vaterland und in seinem Hause. Wird der Skandalautor außerhalb der Grenzen Russlands Geltung gewinnen?  Es sieht ganz danach aus. Davon zeugen die Übersetzungen der Bücher Alexander Potemkins in mehrere europäische Sprachen,  erfolgreiche Publikationen seiner Bücher in Frankreich und anderen Ländern. Wird diese Welle die skandinavischen Länder erreichen?  Das Nobelkomitee? Ist es nicht an der Zeit, dass dessen Mitglieder einer ganzen Reihe ausgezeichneter  Literaturwissenschaftler und Kritiker, hervorragender Kenner schöngeistiger Literatur, beginnend mit dem Professor für Slawistik René Guerra,  ihr Ohr leihen? Sie alle würdigen Potemkin als einen unverwechselbaren Autor, einen der ganz großen Schriftsteller des Beginns des XXI. Jahrhunderts. Die bekannte Literaturwissenschaftlerin und Philosophin, Doktor der Sprachwissenschaften Swetlana Semjonowa beschreibt den Schriftsteller als „erstaunlich vielseitige Renaissance-Persönlichkeit [….], dessen ausgefeilte literarische Techniken nicht nur an Gogol und Dostojewski , sondern auch an Kafka, Michail Bulgakow und Nabokov denken lassen.“

Ich habe schon früher über das Schaffen Potemkins geschrieben und dabei mein Bedauern ausgedrückt,  dass sich die Ausrichtung seiner ideologischen Suche in den Bereich des Infernalen verschiebt…  Die Suche nach einer neuen Religion, die bereits in der Erzählung „Der Entrückte“ beginnt, mündet darin, dass in „Kabbala“  die künstlich hervorgerufene  Glückseligkeit in einer Welt virtueller Träume zum ersehnten Ziel solch einer Religion deklariert wird. Die Bibel und die schwarze Kunst sind jedoch unvereinbar. Gott ist nicht tot, dies ist eine ewig lebendige Realität. Während der Autor den Leser in die virtuelle, also scheinbare und gottverlassene Welt der Computerspiele und Phantome schickt, zieht er es selbst natürlich vor, in Gottes pulsierender realer Welt zu leben.

„Kabala“ nannte man in alten Zeiten in Russland die Schuldknechtschaft – eine schriftliche Vereinbarung, laut der die Schuldner eine Geldanleihe  aufnahmen, ihre Arbeitskraft verpfändeten und sich so in ein Joch,  in sklavenähnliche Abhängigkeit begaben. Eine Sonderform solcher „Kabala“ war der sogenannte Pakt mit dem Teufel.  In Russland unterschrieben Personen, die ihre Seele an den Teufel verkauften, den Pakt mit ihrem Blut und warfen den Vertrag in ein tiefes Wasser…

So wie das Abkommen mit Gott den juristischen Aspekt des segenspendenden und erlösenden Sakraments  der Taufe darstellt, so impliziert die schwarze,  Verderben bringende Initiation die Unterzeichnung eines entsprechenden Abkommens mit dem Satan.  Der Selige Augustinus vertrat eine breite Auslegung, nach der jegliche schwarze Magie, alle Weissagungen, Orakel und Beschwörungen nicht ohne das Zutun des Teufels abgingen; dies ist die  infernalische Kehrseite des Begriffs „Kabbala“.

Aber, wie es in einem schönen russischen Sprichwort heißt, „Sčastja nje zakabalish“ – das Glück lässt sich nicht in ein Joch pressen! Und auch nicht die Liebe, die höchste Erscheinungsform des Glücks,  und auch nicht die unsterbliche menschliche Seele, die „von ihrer Natur her Christin ist“.

Ist dies der Grund, weshalb Grigori Poteschkin selbst im tragischen Finale des Romans, das in seiner fatalen Ausweglosigkeit erschüttert, im selbstmörderischen Feuer des Brandes geduldig auf die „strahlende, magische Wiedergeburt“ wartet?

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