PROINTELLEKT
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„Der Ausgestoßene“ oder der Ruf der russischen Ewigkeit

Doktor der philosophischen Wissenschaften, Professor NATALJA SMIRNOWA über ALEXANDER POTEMKINS Roman „Der Ausgestoßene“

Natalja Smirnowa,  7 Juli um 15:35 0 212

Den Leser dieses Buches erwartet eine wirklich Entdeckung. Er wird einen seltsamen, aber erstaunlich attraktiven virtuellen Gesprächspartner kennenlernen – Andrej Konstantinowitsch Iwerow, einen französischen Aristokraten mit russisch-italienischen Wurzeln und ein Finanzgenie auf dem Gebiet des weltweiten Fondsmarktes. Der Leser wird den Charme dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit verspüren, seines ausgesuchten Lebensstils, in dem, wie es scheint, alles vorhanden ist, was das Herz begehrt, und in dem gleichzeitig etwas sehr Wichtiges fehlt, zu dem seine unruhiger Geist ihn unwiderstehlich ruft.

Wer A.P. Potemkins Roman „Der Ausgestoßene“  liest, erfährt weit mehr über die Lebensweise der französischen Elite, als aus soliden soziologischen Studien.  Wir können den erlesenen Zauber ihres Alltags wahrnehmen und ihre zugespitzten geistigen Kollisionen nachvollziehen, die nicht nur die Arbeiten der Soziologen nicht wiederzugeben imstande sind, sondern auch die von Sozialpsychologen und Psychoanalytikern. Es ist gerade die Literatur – genauer gesagt, das, was die Franzosen „belle lettre“ nennen, und das mit dem französischen Romanstil entstand, die dem menschlichen Blick die Seele einer Kultur eröffnet.

„Aber gestatten Sie!“, wird der intelligente russische Leser, der finanziell kaum über die Runden kommt, befremdet ausrufen: „Was interessieren mich die Nöte irgendeines französischen Milliardärs? Ich bin froh, wenn ich im heutigen Russland überlebe! Er, der Superreiche, Superkavalier, Superexperte, Superverbraucher, Superintellektuelle, flüchtet vor dem Joch Überkonsumption in seine virtuelle Welt. Ich aber, Intelligenzler der x-ten  Generation, komme mit Mühe bis zur nächsten Gehaltszahlung aus. Das da ist nichts für mich!“

Das aber ist nur der erste, flüchtige Eindruck. Schon auf den ersten Seiten des Romans „Der Ausgestoßene“   beginnt man zu begreifen, wie sehr der russische Leser ihn braucht: Schließlich ist die Rede nicht nur von den Problemen eines französischen Aristokraten, sondern es geht um allgemeinmenschliche Themen, und somit auch um Ihre und meine. Und es ist kein Zufall, dass ihn ein Deutscher mit einer russischen Seele geschrieben hat.

Der Ökonom A.P. Potemkin hat in unserem russischen Leben vieles begriffen, nicht nur oberflächlich gesehen, sondern aus der interessierten Sicht eines engagierten Verfechters russischer Reformbemühungen.  Voll Bitterkeit konstatiert er, dass sich nach dem Weggang der kommunistischen Ideologie eine undurchsichtige Finsternis über Russland gesenkt hat – eine korrupte, zynische, in ihrer teuflischen, zerstörerischen Energie antimenschliche bürokratische Ideologie …  In Opposition zu den kritiklosen Apologeten des Monetarismus der Chicagoer Schule mit ihrer methodologisch anspruchslosen Apologie der „unsichtbaren Hand des Marktes“ als universelles Mittel  der Lösung aller sozialen Probleme beweist A.P. Potemkin, dass die heutige russische Wirtschaft, die immer stärkeren virtuellen Charakter annimmt, nicht imstande ist, von sich aus lange das Gleichgewicht zu halten.  Durch Selbstregulierung, eine Bedingung für ihre erfolgreiche Entwicklung - eine kluge und durchdachte Politik der russischen Regierung, d.h. politischen Willen und Verstand vorausgesetzt - , ist das nicht zu erreichen. In diesem Punkt kommt der Gedanke des professionellen Ökonomen der Meinung eines Philosophen und Kritikers des monetaristischen Systems sehr nahe: „Der Monetarismus“, ist der bekannte Politologe und Träger des Solshenizyn-Preises 2002 A.S. Panarin überzeugt, „ist mehr als eine wirtschaftliche Strömung. Er ist die heute möglicherweise aggressivste Doktrin, die eine Revision der Grundlagen der menschlichen Kultur selbst fordert – den Verzicht auf alle traditionellen „Checks and Balances“, mittels derer sich jede Gesellschaft vor der Allmacht des Geldsacks schützt.

A.P. Potemkin, der sich beruflich mit der Ökonomie als einer akademischen Disziplin beschäftigt, ist menschlich zutiefst berührt von den sozialen Folgen der ungerechtfertigt harten Privatisierung durch Kompradoren, die zur Verelendung des größten Teils der Bevölkerung und zur seit den Zeiten Zar Peters I. beispiellosen Deklassierung der Intelligenz des Landes geführt hat.

Während in seinen bisherigen literarischen Werken die vehemente Entwicklung der Handlung klar die psychologische Darstellung der Gedanken und Handlungsweisen der Helden  steuert,  ist die künstlerische Gestaltung des Romans „Der Ausgestoßene“  eine andere. Hier ist die Handlungsstruktur minimal. Im ersten Teil, der über A. Iwerows Leben in Frankreich berichtet, geschieht fast nichts, abgesehen von seiner plötzlichen Abreise nach Russland. Hier gibt es weder von religiöser Erleuchtung erfasste Jäger menschlicher Seelen (I.G. Tschernogorow), noch die spannende Dramatik einer abenteuerlichen Handlung, wie sie sich in Potemkins Roman „Der Spieler“ in den Wagen eines in die Hauptstadt rasenden Städteexpresses auf unheilvolle Weise entfaltet. Die Haupthandlung des neuen Romans spielt nicht in einem Casino oder an einer Fondsbörse; sie spielt sich in der menschlichen Seele ab. Es sind innere Handlungen und Emotionen, darauf gerichtet, das, was in der Welt und in ihm selbst geschieht, zu begreifen (wobei das eine und das andere ineinander übergeht und miteinander verschmilzt  - um den Begriff der „Virtualität“ in seiner wörtlichen Bedeutung zu verwenden). Der inhaltliche Kern der Romans besteht im tiefen Nachdenken über die Bestimmung des Menschen, das Schicksal der modernen Zivilisationen, den anthropokulturellen Preis des Fortschritts, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Globalisierung. In diesem Roman hebt der Autor zum ersten Mal die Latte der sozialökonomischen Verallgemeinerungen auf ein philosophisches Niveau und gibt sich Fragen wahrhaft allgemeinmenschlicher Bedeutung hin.

Der ursprüngliche Titel des Buches – „Der Idiot“ – stellt seinen Bezug zu dem gleichnamigen Roman von F.M. Dostojewski her; und auch die vom Autor geplanten folgenden Teile der Trilogie  - „Sünde“ und „Reue“ weisen auf die thematische Verwandtschaft mit den Romanen „Schuld und Sühne“ sowie „Die Dämonen“ hin. Der alle Hindernisse niederreißende Größenwahn Altynows misst sich mit dem Zynismus Stawrogins,  die seelische Verletzlichkeit  und die kristallklare Reinheit der kindlich-naiven Seele des Fürsten Myschkin gleicht in vielem dem seelischen Aristokratismus und tadellosen Anstand des Fürsten Iwerow. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Fürsten Myschkin und dem Fürsten Iwerow: Dostojewskis Held ist geisteskrank, der Held Potemkins – seelisch. Die geistige Suche Iwerows sind kulturelle Bemühungen, seinen Platz in der heutigen technisierten und verfremdeten, vom  Syndrom „des verschwindenden Daseins“  und vom „Tod des Subjekts“  gekennzeichneten Welt zu finden.

Iwerow aber gelingt es wenigstens, zu einer Synthese des Seelischen und des Geistigen zu kommen – im heutigen Russland. Doch wo? Im Serbski-Institut, einer Psychiatrischen Klinik! Genau in dieser geschlossenen Anstalt – halb Krankenhaus, halb Gefängnis – findet er zum ersten Mal im Verlauf des Romans würdige Gesprächspartner, die ihm in Bildung und Intelligenz ebenbürtig sind.  Zum ersten Mal empfindet er hier den „Luxus menschlicher Kommunikation“. Vielleicht ist ja diese russische „Irrenanstalt“ genau der Punkt im sozialen Universum, wo er seinen seelischen Hafen gefunden hat, die Anerkennung als Person und nicht als Gebieter des „Goldenes Kalbes“, das in der Lage ist, fürstlich für die Aufmerksamkeit  globaler Berühmtheiten zu zahlen. Der mit Devisen gekaufte Durchbruch in die Freiheit bringt ihm keine Freude, und mit bitteren Vorwürfen auf den Lippen geht er der geliebten Frau entgegen. Das Kloster verlässt  er vorzeitig, erzählt nicht zu Ende, worüber er in seinem gesamten vorherigen Leben mit niemandem hat sprechen können.

Iwerow ist überzeugt: „Privates Glück ist ein Produkt virtueller Natur. Es ist moralisch, denn es greift niemandes Eigentum, Moral und Freiheit an. Wenn dagegen mein privates Glück eine reale Ware ist, also unvermeidlich die Interessen anderer berührt, so wird mich das aus ethischen Gründen nicht zufriedenstellen.“ Da drängt sich der Vergleich mit Iwan Karamasow auf, der Gott „das  Glückslos“ ins künftige Paradies auf Erden zurückgeben will, wenn im Fundament dieses „Reichs der Gerechtigkeit“ auch nur eine einzigeTräne eines unschuldigen Kindes liegt.  A.P. Potemkin ist einer der wenigen Schriftsteller unserer Zeit, dem es gelungen ist, zum würdigen Nachfolger der großen Tradition des psychologischen Romans des Goldenen Zeitalters der russischen Literatur zu werden. Der Roman „Der Ausgestoßene“  stellt eine Apologetik der angespannten geistigen Suche des „überflüssigen Menschen“ dar, der für die russische Literatur in Situationen, in denen die „Verbindung der Zeiten“ abreißt, so charakteristisch ist.

Das Ende des 20. Jahrhunderts wird uns im Gedächtnis bleiben als eine Zeit rasanter Veränderungen, die in alle Sphären des natürlichen und gesellschaftlichen Lebens der Menschen eingreifen. Alexander Potemkin hat die Kataklysmen in der europäischen Kulturlandschaft zu Beginn des 3. Jahrtausends bis ins Detail erspürt und in der Sprache seiner literarischen Helden dargelegt. Die Folgen jener „Erdrutschprivatisierung“, die Russland sintflutartig überschwemmen, überfordern die menschliche Anpassungskraft an soziale Umbrüche. Die Verwüstung des Alltags ist eine der Hauptursachen für die „anthropologische Krise“, welche die russische Gesellschaft erschüttert hat, für die Zerstörung der Grundstrukturen des Verständnisses der eigenen Lebenswelt und der Orientierung in ihr, für das Verlustsyndrom: abhanden gekommen sind die Luft zum Atmen und der  Sinn des Lebens allgemein. Der Schock des Nichtbegreifens inspiriert die Flucht in „andere Welten“. Wird es gelingen, die zerrissenen Fäden sozialer Kommunikation wieder zu verknüpfen, die verlorengegangene Palette menschlicher Verständigung, die Kontinuität des täglichen Lebensflusses wiederherzustellen? Die Frage muss gestellt werden, denn von der Antwort darauf hängt die Zukunft unseres Volkes ab.

Die gelungensten Seiten des Romans von Potemkin sind der Beschreibung der seelischen Selbstbestimmung des Helden, seiner Suche nach den Grundlagen der eigenen Identität gewidmet – als Anhaltspunkte in einem entfremdeten Dasein. Vergleichbar den Helden Dostojewskis denkt A. Iwerow viel über das Leben an den und jenseits der  „Grenzen“ nach. Was hat ihn dazu gebracht, einen Selbstmord zu planen, ihn als einzige Möglichkeit zu sehen, mit einem einzigen Hieb den Gordischen Knoten aller persönlichen seelischen Probleme durchzuschlagen? Die Antwort liegt im Titel des Romans selbst. Er ist ein Ausgestoßener, also in dieser Welt überflüssig. Doch wurde A. Iwerow von niemandem und nirgendwohin ausgestoßen und verjagt. Es ist eine innere, eine „virtuelle“ Vertreibung. Als Frankreichs Liebling lebt er im Haus seiner Vorfahren, im wunderschönen Ort  Saint-Paul de Vence an Nizzas Côte d’Azur. Gemälde der berühmtesten Maler schmücken die Wände seines Elternhauses:  van Dyck, Velázquez, El Greco; ihm zu Diensten stehen die Traumjacht „Heiliger Geist“ und ein Fuhrpark schickster Autos – uneingeschränkter Herrscher der europäischen Landstraßen. Ihm gehören die besten Düsen- und Motorflugzeuge, eine der umfangreichsten Kollektionen von Mineralien und Waffen – von den Streitäxten der alten Germanen bis hin zu den Granatwerfern der Taliban, mit denen sie die gigantischen Buddha-Statuen in der Provinz Bamiyan ausgelöscht haben. Seine riesenhaften Aquarien wetteifern mit dem Reichtum der Weltmeere, und von den Seiten seiner Fotoalben lächeln die schönsten Frauen der Gegenwart ihr strahlendes Lächeln. Sein Vermögen wird auf Milliarden von Dollars geschätzt. Aber! Als einer der reichsten Männer Frankreichs verspürt A. Iwerow nicht nur seelisches Unbehagen, sondern in noch größerem Maße geistige Unzufriedenheit. Wir erfahren aus dem Roman, dass seine Villa in Saint-Paul de Vence von den Stars aus Politik und Showbusiness, von Topmodels und berühmten Schauspielern besucht wird. Seine wahrhaft königlichen Abendgesellschaften sind  berühmt für auserlesene Noblesse; die Dienste seiner Köche werden von der Elite des Staats in Anspruch genommen, und die vielgerühmten Schuhdesigner  und gefeierten Couturiers sehen es als eine Ehre an, bei ihm Maß zu nehmen. Aber, lieber Leser, haben Sie nicht auch das Gefühl, dass unser Finanzgenie diese Aufmerksamkeit, welche die namhaften Gäste ihm für ein paar Stunden schenken, nur „kauft“, so wie er – für ein Jahr im Voraus – die Zärtlichkeiten der modischen Schönen kauft? Wie steht es um seine seelischen und menschlichen Gefühle, mal abgesehen von der Zuneigung für seine Anwältin Elisabette Ponsin, die er fast wie ein Sohn liebt? Wir wissen, dass er große diplomatische Gipfeltreffen und kostenaufwändige Filmfestspiele finanziert, großzügig frühere Landsleute sponsert und einer massiven Teilnahme an den großen Finanzschlachten nicht aus dem Wege geht. Doch mit welcher der bemerkenswerten Persönlichkeiten der modernen Kultur ist er wirklich befreundet, wem schreibt er (nicht um der Mode oder des Prestiges willen, sondern dem Ruf des Herzens und Verstandes folgend) Briefe, wenn abends die Lichter seiner märchenhaften Festlichkeiten erlöschen? Mit wem führt er ganz persönliche Gespräche? Mit den Bewohnern der russischen Irrenanstalt und  - einmal im Jahr, mit einer (so wie er) Börsenexpertin, Mrs. Cryde.

Und doch findet A. Iwerow – unter dem Druck des „Menschlichen, Allzumenschlichen“ (F. Nietzsche) - am alten Leuchtturm, in dem schicksalhaften Moment, in dem er gedanklich Bilanz über den Sinn des Gelebten zieht, die Kraft, sich an den Rand des entgleitenden Daseins zu klammern, die aufdringliche Idee von sich zu scheuchen, den Faden seines Lebens im 42. Jahr auf dem Meeresgrund zu zerreißen. Als Quintessenz der menschlichen Substanz sieht er die Freiheit. Er wird sich seiner freien, von der Natur nicht für notwendig erklärten Existenz bewusst und beschließt in dem schicksalhaften Augenblick vor dem Sprung ins Nichts, die unter Leiden gefasste Entscheidung radikal zu ändern und auf der fieberhaften Suche eines neuen Lebenssinns einen Richtungswechsel seines weiteren Schicksals gen Russland vorzunehmen. Alles hinzuschmeißen und in jenes geheimnisvolle Russland, die Heimat seiner Vorfahren , das „Imperium des Bösen“ zu fahren! Genau dort will er eine „radikal neue Daseinsqualität“ erringen – das absolut Gegenteilige, will das Innere des Vorhandenen nach außen kehren.  Von uneingeschränktem Genuss zu untröstlichem Leiden, zu Erniedrigung, Schlägen, Abschaum … Denn „ohne Leiden kann man die wahrhafte Größe des Geistes nicht erfahren.“ So überwindet der Ruf der russischen Ewigkeit die Versuchung der ewigen Finsternis und Leere.

Das unüberwindliche Dasein Iwerows als Ausgestoßener beruht auf tiefen soziokulturellen Wurzeln. Die „kulturelle Entfremdung wird von der Psyche als zugespitzte Einsamkeit eines surrealistischen Daseins durchlebt und durch den philosophischen Existentialismus plastisch beschrieben. Die „Geworfenheit“ (Martin Heidegger), „Der Ekel“ (Jean-Paul Sartre), das Weilen „in Grenzsituationen“ (Karl Jaspers) – dies alles ist bei weitem keine vollständige Aufzählung der symbolhaften Metaphorik des unüberwindlichen Ausgestoßenseins und der existentiellen Obdachlosigkeit des Menschen in der heutigen Welt. In dieser entfremdeten Welt lebt der Mensch nicht, sondern er funktioniert.  Sex statt Liebe, Programm anstatt Hoffnungen, Erfolg anstatt Glück. Im erwähnten Existentialismus bedeutet das Bestreben des Menschen, sich in die Welt des eigenen Bewusstseins zurückzuziehen, im philosophischen Sinn die Ontologisierung der subjektiven Wirklichkeit, die Gleichsetzung des Daseins mit Subjektivität. Im existentiellen Ausgestoßensein liegen die Ursprünge des hartnäckigen Strebens in die virtuelle Welt an der Bruchstelle der surrealistischen Existenz.

Neben den kulturellen hat Iwerows Ausgestoßensein auch sozialökonomische Wurzeln: den Triumph des Finanzkapitals über das Industriekapital, die Virtualisierung der Wirtschaft in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern Europas.  Im Vorwort zu seinem Buch  „Die elitäre Wirtschaft“ definiert der Ökonom Potemkin die Virtualisierung der Wirtschaft als „abrupte Abschwächung der Beziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen, faktisch die vollständige Abtrennung des Geld- und Finanzmarktes von den Realien der Produktionssphäre“.  In die virtuelle Wirtschaft einzutauchen, die zur Basis der „realen“ Produktion geworden ist, ist so, als schwebe man zwischen Trugbildern umher. „Auf dem modernen Fondsmarkt zu sein und auf ihm Erfolg zu haben bedeutet eine etappenweise Virtualisierung des Bewusstseins“, ist der Romanheld überzeugt. Die Virtualisierung des Bewusstseins verwischt nicht nur die Grenzen zwischen Realem und Irrealem, sondern auch die Möglichkeit, den ontologischen Sinn einer solchen Dichotomie.

Ist es überhaupt sinnvoll, die Wahrnehmung des Seins in zwei Komponenten aufzuteilen: „wirklich“ und „nicht wirklich“? Wo liegt die Grenze des Seins?“, philosophiert er.

Doch sind die sozialökonomischen Wurzeln von Iwerows  Ausgestoßenseins weit tiefer, als seine persönliche Passion für virtuelle Finanzspiele.  Sie bestehen darin, dass die kulturelle Legitimation virtueller ökonomischer Tätigkeit im Selbstverständnis der europäischen Kultur nie wirklich stattgefunden hat. Der Grundpfeiler des ökonomischen Bewusstseins des Westens nämlich, das die Moderne als besondere soziokulturelle Welt konstituiert hat, ist der von Max Weber beschriebene Typ produktiver Wirtschaftstätigkeit, der auf dem protestantischen Berufsethos  - dem ehrlichen Ausüben der Berufspflicht – beruht. Das Ziehen von Gewinn „aus der Luft“ - mittels Wucher, Gründertum und Raub, die im produktiven Unternehmertum nicht verwurzelt sind - , sah der Autor der „Protestantischen Ethik“ als verantwortungslos und im Widerspruch zum Geist des wahren Kapitalismus stehend an. „ ‚Erwerbstrieb‘, ‚Streben nach Gewinn‘, nach Geldgewinn, nach möglichst hohem Geldgewinn hat an sich mit Kapitalismus gar nichts zu schaffen“, so Max Weber:  „Dies Streben fand und findet sich bei Kellnern, Ärzten, Kutschern, Künstlern, Kokotten, bestechlichen Beamten, Soldaten, Räubern, Kreuzfahrern, Spielhöllenbesuchern, Bettlern: – man kann sagen: bei ,all sorts and conditions of men’, zu allen Epochen aller Länder der Erde, wo die objektive Möglichkeit dafür irgendwie gegeben war und ist.“ Vergleichbare naive Vorstellungen vom Wesen des Kapitalismus gehören zu den Wahrheiten, von denen  man sich schon zu Anbeginn des Studiums der Kulturgeschichte ein für alle Mal hätte verabschieden sollen … Es ist wohl eher der Kapitalismus, der solchen irrationalen Bestrebungen Zügel anlegt, auf jeden Fall aber für „rationale Reglementierung“ sorgt.  Genau so aber ist das Börsenspiel: die moderne Modifizierung des Abenteurer-Unternehmertums unter den Bedingungen einer virtuellen Wirtschaft. Der Alltag des Finanziers A. Iwerow hat rein gar nichts zu tun mit der vom Max Weber beschriebenen innerweltlichen Askese des produktiven Unternehmers, der im Morgengrauen aufsteht und in Stadt und Land den lieben langen Tag auf der Suche nach Rohstoffen und Käufern seiner Produkte ist. Er ist ein Börsenspieler, der mit genialem Scharfsinn Schachzüge weit vorausberechnet und mit großer Beständigkeit gewinnt, indem er virtuos zwischen den Fangnetzen einer Unzahl finanzieller Fallen laviert. Dabei operiert er nicht mit realen physischen Objekten (Rohstoffen, Waren, Produktionsmitteln), sondern mit abstrakten Objekten, die nur im Gedächtnis der Computer existieren – und, ja, in seinem eigenen, als Bewohner einer virtuellen Welt. A. Iwerow ist in einem idealen Raum rein theoretischer Objekte tätig, weit entfernt von der Welt des menschlichen Alltags.

Das Wort „Virtualität“ ist heute in aller Munde. Virtuell nennt man heute alles, was man früher mit den Begriffen „Geist“, „Seele“, „Bewusstsein“, „Psyche“ bezeichnet hat. Die gesamte Kultur ist „virtuell“! Doch ist eine solche Rhetorik ohnmächtig, wenn es um die Lösung eigentlicher kultureller Probleme geht. Genau gesagt, nicht alles Ideale ist virtuell. Ideale Kulturobjekte erhalten erst dann den Status des Virtuellen, wenn sie die Stelle der Realität einnehmen, Anspruch erheben, diese zu ersetzen. „Zeichne mir ein Schaf“, bittet der kleine Prinz den Helden des Märchens von Antoine de Saint-Exupéry und ist zufrieden mit der Abbildung einer Kiste für Tiertransporte: „Schau nur! Es ist eingeschlafen …“ Das Virtuelle ist ein Simulakrum, ein trügerisches Zeichen, das Anspruch erhebt auf Austausch gegen die Wirklichkeit des Alltags – in Situationen, in denen man vor einer solchen Wirklichkeit flüchtet. Im semantischen Universum der virtuellen Welt wird Materialität gegen Beziehungen und Funktionen ausgetauscht, zu denen der Mensch allein mit seinem Bewusstsein Zugang hat – also als unvollständige, „teilweise“ Persönlichkeit. Doch je mehr die „innere“ Einbildung anwächst, desto mehr degradiert das „Äußere“, die Umgebung. Dies ist ein Symptom für den energetischen Niedergang des Menschen und der Welt – den „Schwund des formgebenden Könnens und Wollens“ (S.S. Chorushij). Der Gefangene der Spiegelwelt hinter dem Computer reißt sich nur mit Mühe aus dem Weltweiten Spinnennetz los, das für ihn zur einzig realen Welt geworden ist.  Doch während er die virtuellen Welten besiedelt, kreiert der Mensch spezifisch virtualistische Verhaltens- und Aktivitätenmuster, die sich beträchtlich von den „irdischen“ unterscheiden. Nehmen wir zum Beispiel das virtuelle „Schaffen“, mit dem wir bereits überschwemmt werden: ein „Schaffen“,  ohne  Verantwortung zu übernehmen, ohne Anspruch auf Wahrhaftigkeit, ein Schaffen halb im Scherz, zur Probe, zum Schein, zum Spiel, aus Jux. Hier sehen wir ein Charakteristikum der „virtuellen“ Ästhetik: die Verabsolutierung der schöpferischen Geste vor dem Hintergrund des immer mehr degradierenden geistigen Gehalts der Kultur. Um lebensvolle Werke zu schaffen,  ist schließlich eine Motivation nötig, die  im realen Leben ihren Ursprung hat, in der Teilnahme an diesem Leben, in Leidenschaften und Nöten, in der Fülle und Tiefe des Seins. Und der Sieg über die eigene Körperlichkeit – ein Pyrrhussieg.

Iwerow sucht in der Virtualität ein Bollwerk geistiger Freiheit, das die Fesseln des triumphierenden groben Utilitarismus löst. Er giert nach einem Ausbruch dorthin, wo er „[…]mit Geistern schweben“ könnte (Goethe). Es ist eine Platonsche Welt wahrer Eidos – immaterieller Wesen, im Vergleich zu denen Dinge nur blasse Schatten an den Höhlenwänden sind und deren Los nicht das Seiende ist, sondern das Sein. Im virtuellen Asyl der absoluten Freiheit hofft A. Iwerow, eine ökologische Nische außerhalb des  übersättigten  Destillats der künstlichen Umwelt zu finden, des dehumanisierenden  Einflusses maßlosen Konsums, der von den eisernen Schritten einer technogenen Gesellschaft inspiriert ist, denn das Los des heutigen Menschen ist nicht der mütterliche Schoß einer lebendigen Kultur, sondern der seelenlose Raum einer toten Zivilisation, wo die lebensspendende Saat der Kultur keimt, um dann in den Skeletten der Maschinen und Mechanismen zu erstarren. In deren eiserner Umklammerung negiert sich die Kultur auf paradoxe Weise selbst, indem sie sich zu Freizeittechnologien wandelt, in Fortsetzung der technogenen Ausrichtung der modernen Zivilisation.

Der virtuelle Ausbruch A. Iwerows ist in die Ewigkeit gerichtet, da der Mensch der heutigen Zivilisation die Kontrolle über die Zukunft verloren hat, die Natur unterjocht worden und in den Technoparks erstarrt ist, und die heutigen sozialen Technologien der Steuerung der Menschen zu  deprimierenden Ausschweifungen der Massenkultur, verbunden mit dem ihr eigenen zügellosen Erotismus.  Die Geschmacklosigkeit der Massen ist tiefer in der Wirklichkeit verwurzelt als der feine Geschmack der Intellektuellen, wie schon Brecht vermutete. Doch wie schwer ist es, die moderne, pragmatische Inversion des Massenbewusstseins zu akzeptieren, wo anstelle von Moral Berechnung steht, anstelle von Werten Projekte, anstelle von Kommunikation Beziehungen! Liebe wird auf Sex reduziert, und im nächsten Zyklus der Verfremdung zur Transsexualität kultiviert. Wie viele Bemühungen teuflischer (Papalardos Wunderpulver) und professioneller Natur (erotischer Tanz) musste die bezaubernde Schöne aufbringen, um Iwerow wenigstens für die Zeit ihres ersten Rendezvous zu verführen! Doch auch ihm selbst gelingt es nicht, Valentinow, den der  Wahn des Transvestitismus befallen hat, von diesem abzubringen und ihn zu bewegen, auf den Pfad virtueller Körperlichkeit zurückzukehren. Virtuelle Körperlichkeit aber ist per definitionem sinnlos. Nur lebendiger Austausch und nicht virtueller „Kontakt“ führt zu einer emotionalen, emphatischen geistigen Atmosphäre, gegenseitigem Verständnis, bereichert durch die Erfahrung der Intersubjektivität. Papalardos hinterhältige Idee, einen Erben in vitro zu zeugen, ist ebenfalls hier einzuordnen. Ein Kind, das durch den Koitus einer Spritze mit einem Reagenzglas gezeugt wird, ist elternlos. Es ist per definitionem ein Ausgestoßener, durch die Art seiner Geburt. Daher versucht die intrigante Schöne auf ihrer Jagd nach Iwerows Kapital, dem geplanten Erben eine biologische Grundlage zu geben. Und so gibt der Mensch der teuflischen Versuchung nach und vergreift sich am heiligen Recht der Mutter Natur, dem Nachkommen in dem Augenblick sein Geschlecht zu verleihen, in dem die irdische Liebe ihren Höhepunkt erreicht. Es ist kennzeichnend, dass das Treffen mit dem Verkünder des Transvestitismus in einem Internetcafé stattfindet, dem täglichen Hi-Tech Zufluchtsort, wo ein Mausklick die Display-Fenster in virtuelle Welten eröffnet. Das menschengemachte Spiel des Transvestitismus ist Ausdruck für die abiotischen Tendenzen in der modernen Zivilisation, den Triumph des Künstlichen über das Natürliche, die der Autor psychologisch glaubhaft in der bemitleidenswerten Gestalt des Valentinow darstellt. Es ist jedoch so, dass die menschliche Körperlichkeit die Morphologie und den Sinngehalt der Kultur in viel stärkerem Maße bestimmt, als es die Anhänger einer Konzeption der Kultur als einer Sublimierung des reinen Geistes wahrhaben wollen. Gäbe es andere Formen der Körperlichkeit und der Vermehrung,  so hätte die Menschheit in der Kultur auch andere, noch ungeahnte Ausdrucksmittel hervorgebracht.

Das Bewusstwerden des Wertes der menschlichen Körperlichkeit für die Selbstfindung der europäischen Kultur findet im Kontext der Kritik an modernistischen Bestrebungen unserer technogenen Gesellschaft statt. „Die Hände stählerne Flügel, und statt des Herzens ein flammender Motor“  - wie ungeheuerlich dieses Bild, eine Metapher aus der Zeit sozialistischer Industrialisierung, heute erscheint! Doch worin ist ein anderes Bild besser: die Bewertung von Schriftstellern als „Ingenieure  der menschlichen Seelen“?  Zu Beginn eines neuen Jahrtausends ist der „Zukunftsschock“ aufgrund der Berichte des Club of Rome in den 60er und 70er Jahren anscheinend abgelöst worden von einem Sich-in-Sicherheit-Wiegen und einer ergebenen Akzeptanz der zivilisatorischen Veränderungen als unausweichlich – ohne jeglichen Versuch, sie in ein Verhältnis zur menschlichen Natur zu bringen. Ein Befehl von Gottes ewigem Antagonisten – dem Teufel. Er ist es, der es  in tage- und nächtelanger Arbeit geschafft hat, das menschliche Geschlecht in einen macht- und geldgierigen „Humanhaufen“ (analog einem „Ameisenhaufen“) zu verwandeln. In Iwerows Streitgespräch mit dem Teufel finden wir die philosophisch genau gezeichnete Gegenüberstellung der Kulturen und Zivilisationen, deren Anfänge in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts der namhafte deutsche Philosoph Oswald Spengler in seinem Werk mit dem außerordentlich symbolträchtigen Titel „Der Untergang des Abendlandes“ legte. Die menschliche Körperlichkeit erhält in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine neue axiologische Wertigkeit, als aufgrund der globalen ökologischen Probleme zum ersten Mal die Möglichkeit der Fortsetzung von Leben überhaupt und des Überlebens des menschlichen Geschlechts thematisiert wird.  Ein Landsmann des Fürsten A. Iwerow, der französische „Archäologe des menschlichen Wissens“ Michel Foucault begründete die Tradition des systematischen Studiums (der „Ausgrabung“ hervor unter späteren Kulturschichten) der Geschichte physischer Praktiken in der europäischen Kultur: der Geschichte der Sexualität, des Systems der Züchtigungen, des Systems des Strafvollzugs. In den Worten Foucaults und seiner Nachfolger begann die europäische Kultur die Körperlichkeit als Lettern der Geschichte zu bezeichnen, in denen die Machthaber ihre Imperative festhielten. Wenn wir diese Schriftzeichen entziffern, erfahren wir etwas über die körperlichen Praktiken der jeweiligen Zeit: das Überwachen und Strafen, das Henken und Begnadigen. Die Virtualisierung  der Körperlichkeit aber gleicht dem Grinsen der Cheshire-Katze aus dem Spiegelland in Lewis Carrolls unkindlichem Märchen „Alice im Wunderland“: ihr Körper verschwindet, ihr Symbolzeichen bleibt. Es hat sich verselbstständigt, ist zum Simulakrum der Körperlichkeit, zu ihrem uneingeschränkten Vertreter geworden. Die Kopie übertrifft das Original!

Die Dramatik der angespannten geistigen Suche A. Iwerows ist mit den tragischen Kollisionen der heutigen Zeit verknüpft: der Bruch mit den modernistische Werten im Prozess des Übergangs der wirtschaftlich entwickelten Gesellschaften von der industriellen zur postindustriellen Epoche, dem Verzicht auf die Ideale des Fortschrittsdenkens, auf die Eroberung der Natur und die Schaffung eines neuen Menschen. Der Übergang zur postindustriellen, posttechnogenen Zivilisation bedeutet auch die Bejahung der „nichtökonomischen“ Werte: Bildung, Freizeit, Gesundheit und der sie begleitenden Intentionen der Einschränkung des Konsums zugunsten des Schutzes der Gesundheit und natürlicher Kulturlandschaften vor dem Druck der Verwirklichung instrumentell-pragmatischer Ideen; der Unterordnung der Wirtschaft unter das Wohlergehen des Menschen als geschlechtlichen Wesens. Derartige Vorstellungen lassen teilweise Werte aus der „Frühzeit des menschlichen Geschlechts“ wiedererstehen.  Im alten Griechenland, wo die Gemeinwirtschaft ihren Ursprung nahm, gehörte es sich, dass man nur so viele Reichtümer brauchte, wie für die Erziehung würdiger Bürger notwendig war – nicht mehr. Heute sieht ein Landsmann unseres Haupthelden, der bekannte französische Soziologe Pierre Bourdieu, den sozialen Status eines Menschen zunehmend vom „symbolischen Kapital“ beeinflusst– einer komplexen Konstellation von Ressourcen aus Bildung, Prestige, Position, Reputation, Bekanntheit und dann erst Eigentum.

Eine solche Wende im Selbstverständnis der europäischen Kultur durchlebt A. Iwerow als persönliches Drama. Sie ist zu seiner ganz persönlichen seelischen Erkrankung geworden.  Der Riss durch die Welt verläuft auch mitten durch das Herz des Dichters der virtuellen Ökonomie. Iwerows feinsinnige, empfindsame Seele, sein in den virtuellen Finanzgefechten geschärfter analytischer Verstand reagieren feinfühlig auf die tektonischen Verschiebungen der geistigen Platten unter dem Selbstverständnis der europäischen Kultur der Jahrtausendwende. Vom Winde verweht die Ergebnisse großer geistiger Epochen (Renaissance, Reformation) und bedeutsamer kultureller Projekte: der Aufklärung, der Emanzipation des Menschen, der Arbeitsethik, des Humanismus. Als jemand, der ein besonderes Gespür für die geringsten Schwankungen im Kulturklima hat, empfindet A. Iwerow mehr als andere den kaum merklichen Wechsel der Stimmungen auf dem Bacchusfest der Postmoderne.  Im Eifer der dionysischen Raserei entfesselter Sinnlichkeit jagt er hinter immer neuen Objekten der Begierde hinterher – sei es ein Mensch, ein Gegenstand, ein exotisches Tierchen oder ein Sammlerobjekt - , um bei Erreichen des Ziels sofort zu erkalten und jegliches Interesse daran zu verlieren. Der Triumph des Sieges stürzt in die Leere der Finsternis, ins Nichts, und er betrachtet das kurzzeitige Objekt der Begierde, für das er nunmehr keine Verwendung als Konsumgegenstand hat, mit gleichgültiger Verachtung. Nicht nur das, er lehnt es mit ganzem Herzen ab. Ihn locken nur die Hitze des Spiels, die Jagd, die Gefechte, die Konsolidierung aller sozialen, finanziellen und intellektuellen Ressourcen. Das Spiel ist zur Metapher seines Lebens, seiner intellektuellen und erotischen Leidenschaft  geworden, denn in ihm findet er die Anspannung, Dramatik und Fülle des Lebens. Die Tatsache aber, dass nicht nur Iwerow eine solche Enttäuschung nach Beendigung des Spiels empfindet, sondern auch J. March und S. Papalardo, die wild hinter seinem Vermögen her sind, ist ein Zeichen der Zeit. Beide Damen verspüren, nachdem sie sich beträchtliche Teile seines Vermögens angeeignet haben, den Schauer einer vergleichbaren Enttäuschung:  Der Ausgang dieses alles verzehrenden, heimtückischen Kampfes hat die leuchtenden Erwartungen nicht erfüllt. Der bittere Beigeschmack des seelenraubenden Sieges hat den Wunsch nach Wünschen eliminiert. Doch Spielen ist das Los des homo ludens, und die Helden des Romans spielen mit unmäßig hohem Einsatz.

Zur letzten Laune der ausgesuchten, eitlen Konsumsucht Iwerows wird „die kostspieligste, anmutigste, schönste junge Dame des Kalenderjahres 2001-2002“, ein zwanzigjährige Model  eines gehobenen Londoner Modehauses, die Australierin Jaqueline March. Um diesen Schatz zu erlangen, verschleudert er ohne nachzudenken 20 Millionen Dollar, multipliziert mit dem perfektionierten Geschick einer erfahrenen Kupplerin, seiner persönlichen Agentin für delikate Aufträge Anne-Valerie Boll.   Doch nun ist der Liebesvertrag für ein Jahr unterzeichnet.  Auf weibliche Art durch die plötzliche Abkühlung des Fürsten verletzt, nennt die Schöne ihn „ein seltsam schrulliges Subjekt“.  Ist es nicht wirklich dumm von ihm, über die falsche und ungerechte Welt zu klagen und über die fatalen Folgen der Globalisierung nachzudenken, jetzt, mit dieser nackten, sich im erotischen Tanz windenden Königin des Laufstegs, die begierig darauf ist,  ihn zu erobern, sich Iwerows Körper untertan zu machen, um möglichst schnell die Erfüllung der himmlische Rendite versprechenden Punkte des Vertrags in Angriff zu nehmen? Oje! Die Gleichgültigkeit des Fürsten gegenüber den Reizen der einst begehrten Schönen ist das Syndrom des körperlichen Rückzugs von der sinnlichen Wirklichkeit in ein virtuelles Dasein. Sich entwirklichen!  Sich in etwas rein Geistiges verwandeln, ein Bewusstsein, eine Fantasie!  Die ersehnten Wunderdinge nicht in ihrer dinglich-körperlichen Ausführung besitzen, sondern in der virtuellen Welt der idealen Objekte! Dann würde die Kraft der Einbildung an die Stelle des irdischen Gedränges treten, und die zügellose Jagd nach neuen Verbraucherfetischen würde durch die Zufriedenheit des virtuellen Alles-Besitzens ersetzt werden. Die materielle und soziale Wirklichkeit würde verblassen, erlöschen, die Bedeutung verlieren. „Mir ist es egal, ob Sie hier bei mir sind oder nicht“, sagt der Fürst endlich zu der verblüfften schönen March: „Ich kann Sie virtuell lieben und Ihre Liebe genießen“. Doch das körperliche Verlangen nimmt sich gebieterisch sein Recht, erhebt mit einer liebevollen Geste Anspruch auf sein Herz und durchstreicht so alle virtualistischen Überlegungen des A. Iwerow; der teuflische Kräuterextrakt der Papalardo tut seine Wirkung, und der „Grundinstinkt“ nimmt von ihm im urprünglichen,  Adamschen Sinn Besitz. Die von der Kraft seiner Leidenschaft erschütterte J. March durchlebt das Wunder einer seelischen Wandlung: Von nun an ist für sie nicht das Vermögen, sondern die Nähe des geliebten Menschen das Begehrenswerteste auf Erden. Ob auf lange Zeit … Das Streben nach einem geistigen Asyl  auf der Kehrseite des Seins, nach kultureller Zuflucht – unter Ästhetisierung des Bildlosen -,  das A. Iwerow erfasst hat, ist ein typisches Zeichen für  das postmodernistische Syndrom der „kulturellen Ermüdung“ des homo ludens aufgrund übermäßigen Konsums. Unter anderem des Konsums weiblicher Schönheit.

Was aber hindert A. Iwerow daran, sich vollständig in der Virtualität aufzulösen? Die menschliche Erscheinung, seine Erziehung, mit der … Was soll man machen? „Gott hat die Welt aus dem Nichts erschaffen. Aber das Nichts schmeckt durch.“ (Paul Valéry) In mir ist zu viel Menschliches, schlussfolgert er, zu viel von jenem rotem Lehm, aus dem der Herr den denkenden Menschen zusammengeknetet hat. Wir ergänzen: den fühlenden, erduldenden, Anteil nehmenden. Denn das Spiel mit der Virtualität und seine ökonomische Abart – das Börsenspiel – zeugt von einer inneren Überhitzung der Moderne. Es ist nur in sozialen Kontexten vertretbar, in denen die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt sind.  Was aber unter den Bedingungen des Überflusses für den homo ludens erquicklich ist, bedeutet eine Verspottung jener Menschen durch den Weltgeist, für die von seinem „lukullischen Mahl“ nur die Krumen abfallen. Das Volk Russlands ist das virtualistischste der Welt , urteilt der Ökonom A. Iwerow. Es mangelt ihm an allem, doch es ist freudig und fröhlich.  Swetlana Simakowa genügen zwei Flaschen billigen Portweins pro Tag zum Glück. Ist das keine Verhöhnung durch den Allgegenwärtigen Teufel? Und doch ist A. P. Potemkins Roman erfüllt von der unausrottbaren Hoffnung, dass es gelingen wird, jene versöhnliche Harmonie des Körperlichen und Geistigen wiederzuerlangen, welche die frühe europäische Kultur auszeichnete, „den einst durchgeschlagenen gordischen Knoten der griechischen Kultur wiederherzustellen“.

Der Roman „Der Ausgestoßene“  ist wie ein lebendig gewordenes Gemälde von Russlands Wirklichkeit der Postperestroika-Epoche. A.P. Potemkin berichtet mit gnadenloser Wahrhaftigkeit über die Sitten, die in der russischen Business-Gemeinde herrschen, die er, wie man annehmen kann, „von innen“ kennt, als „einbezogener Beobachter“. Er hat derartige Typen russischer Unternehmer gesammelt und künstlerisch erfasst, vor denen sowohl A.N. Ostrowski, als auch F.M. Dostojewski entsetzt zurückgewichen wären. Ihr Prototyp ist Platon Filippowitsch Buinossow – die lebendige Verkörperung der Lebensmaximen der Haie des russischen Kapitalismus. Sein Lebenscredo -  „Geld um jeden Preis“ – tritt demonstrativ alle moralischen Grundwerte der Menschheit mit Füßen. Er ist eine Maschine, die groß angelegte Finanzprojekte und äußerst subtile Geldaffären generiert. Sein Komplize J. Altynow ist noch schlimmer: Nicht ein Finanzfluss umfließt seine meisterhaft aufgestellten Fallen, ohne nicht wenigstens ein paar Tropfen fallen zu lassen. Und obwohl  seine Jagdobjekte die Damen Waraskina sind, und nicht etwa Sie und ich, lieber Leser, sind seine Gaunereien für die moralische Gesundheit der Gesellschaft nicht allzu harmlos. Der in den Wellen des russischen Merkantilismus und der Korruption zerrupfte Leser in Russland wird nicht den geringsten Zweifel daran hegen, dass er und Buinossow durchaus in der Lage sind, Iwerows Flucht wohin auch immer zu organisieren, sei es ein Hochsicherheitsgefängnis oder eine scharf bewachte psychiatrische Klinik. „Der Rubel rollt“ – Geld fegt alle Hindernisse beiseite. Der Oberst der Städtischen Miliz, seine Frau und Tochter erhalten Unterhaltszahlungen von der Betrügerin Waraskina. Unersetzlich auch der seelisch verkrüppelte Grischka Kuterma,  der  für 10 Rubelchen bereit ist, auf Buinossows Gelagen den Narren zu spielen. Narren werden von Königen gefürchtet, aber nicht von den Buinossows! Und Buinossow ist bereit, einen Menschen nicht nur zum Narren zu machen, sondern auch zum Sklaven. Genau das hat er mit A. Iwerow vor, im Austausch für seine Zeugenaussage, der Fürst habe nichts mit der angeblichen Beraubung und dem Angriff auf Mme Waraskinas Ehre zu tun. Während er durch Erpressung versucht, den völlig unschuldigen Menschen zu 3 Jahren unfreiwilliger Arbeit zu zwingen, ist er gleichzeitig über seine eigene Selbstlosigkeit entzückt!  Dieser hemmungslos  aggressive, kriminelle, die menschliche Würde missachtende Lebensstil eines großen Teils der Unternehmerschaft Russlands ist offenbar der Hauptgrund, weshalb die soziale Legitimation des privaten Unternehmertums in Russlands öffentlicher Meinung bisher nicht stattgefunden hat. Doch haben Sie nicht auch das Gefühl, lieber Leser, dass selbst dieser rücksichtslos-zielstrebige, von der eigenen Straffreiheit überzeugte Typ des russischen Business-Büffels noch ein wenig idealisiert wird? Von der Idee beherrscht, 100 Millionen Dollar besitzen zu wollen,  hatte Buinossow sein Business als Einzelhändler begonnen.  Anfänglich, um sich ein Anfangskapital zu schaffen betrieb er diesen Einzelhandel und strengte sich sichtbar an, um Schritt für Schritt die Höhen des finanziellen Erfolgs zu erklimmen. In der Gestalt Buinossows ist klar das Webersche Modell der Genesis des kapitalistischen Geistes erkennbar, das selbst für den klassischen Kapitalismus der Epoche der freien Marktwirtschaft zu idealisiert war. Erinnern wir uns an Max Webers Beschreibung des idealen Typs des Trägers des kapitalistischen Geistes. Dessen Arbeit ist durchdrungen von der protestantischen Ethik des beispiellosen Befolgens der Berufspflicht, im Namen der Erlangung der Zeichen göttlicher Erwählung zur Erlösung; der gesellschaftlich übliche Gewinn aber beträgt nur 5-7 Prozent. Max Weber bestand, wie schon erwähnt, darauf, dass nur, wenn man ein derartiges produktives Unternehmertun klar abgrenzt von Hasardeuren, Gründertum und Wucher, die Genesis des kapitalistischen Geistes als spezifisches Phänomen einer rationalistischen westeuropäischen Kultur zu erreichen ist. Doch schon Webers Zeitgenosse Werner Sombart bewies bekanntermaßen, dass beide vom Autor der „Protestantischen Ethik“ erwähnten Unternehmertypen ihr Scherflein zur Entstehung des kapitalistischen Geistes beitragen.  Auch die Erfahrung der postsowjetischen Modernisierung zeugt anschaulich davon, dass die Hasardeure unter den Unternehmern nicht nur „ihr Scherflein beitragen“, sondern zu ungeteilter Herrschaft im wirtschaftlichen Raum imstande sind. Die durch die „Nomenklatura“ durchgeführte Privatisierung des staatlichen Eigentums nach postsowjetischem Muster – der Austausch von Macht gegen Besitz – trug ausgeprägten „Gründerzeit“-Charakter, weit entfernt von der anfänglichen Kapitalansparung durch persönliche Arbeitsanstrengungen. Diese Privatisierung wird auch schwarze Umverteilunggenannt. Die Hoffnung, dass sie die gleiche Rolle spielen würde, wie die anfängliche Kapitalansparung im Westen, hat sich nicht bewahrheitet. Ist nun der Businesssprung des normalen „Sowók“ (des einstigen Sowjetbürgers) Buinossow, wie auch sein asketischer Alltag, typisch für die Elite des russischen Business? Darüber soll der Leser urteilen. Ich beschränke mich darauf, festzustellen, dass die Geburt des Kapitalismus in Russland in der Praxis zum Tod des Weberschen Kapitalismus in der Kultur geführt hat. Das unhaltbare Streben nach Stillung der niederträchtigsten Begierden aber – der festgehaltene Genuss blutrünstiger Hahnenkämpfe und die Bacchanalien der Völlerei im hauptstädtischen Schicki-Micki-Restaurant „Die weiße Sonne der Wüste“  - sind wie aus dem Leben gegriffen. Allerdings scheint die Sonne nicht für Sie und mich. Sie bescheint die Wüsten des menschlichen Geistes. Denn die Herren – Genießer von Hahnenkämpfen und erotischen Tänzen  - demonstrieren nicht die asketische Ethik des Erstkapitals, sondern den Hedonismus der hemmungslosen Boheme, die zur maximalen sinnlichen Ungezügeltheit und Asozialität moralischen Infantilismus‘ neigen.

Es ist jetzt aber an der Zeit, dem Leser die weibliche Gesellschaft unseres Haupthelden vorzustellen. Im Zentrum des Reigens weiblicher Protaginistinnen steht A. Iwerows Freundin „laut Vertrag“, die schöne Königin des Laufstegs 2001-2002 Jaqueline March. Der Autor bewundert ganz offensichtlich die von ihm selbst geformte Gestalt, indem er die feinsten Nuancen ihrer Erscheinung und Garderobe aufs Gewissenhafteste beschreibt. Wir erfahren, dass sie sich durch eine ungewöhnlich schneeweiße, kaum wahrnehmbar rosa schimmernde Haut auszeichnet. Ihre Figur – 91-58-89 –,  ihre riesigen, grünen, fast türkisfarbenen Walnussaugen und die schmachtend leicht geöffneten, leidenschaftlichen, sinnlichen Lippen brechen Kavalieren aller europäischen Hauptstädte die Herzen. In A. Iwerows Leben defiliert sie in einem flammend roten („Favorit aller Laufstege!“), brutal weit offenen, unerhört provozierenden, aggressiv sexy engem Kleid mit Schlitzen entlang der Oberschenkel  ein. Den sinnlichen Höhepunkt verleiht ihrer Erscheinung das hauchzarte blaue Band, das sich wie ein Bote der Zartheit um  ihren hohen Hals legt.

In ihrer Seele aber mischten sich auf merkwürdige Weise niedere Passiönchen (Habgier, ekstatisches Streben nach Reichtum) mit dem jedem weiblichen Herzen immerfort innewohnenden Bedürfnis nach einer tiefen und leidenschaftlichen Liebe. Anfänglich ist die Antriebsfeder ihrer Intrige gegen A. Iwerow das unbändige Verlangen nach dem versprochenen sagenhaften Honorar (20 Mio. Dollar!) für ein Jahr des Zusammenlebens mit dem Fürsten. Nachdem sie ihren vorherigen Liebhaber ungeniert aus ihrem Leben geworfen und Iwerows Anwältin behände erklärt hat, dass die Gewöhnung an die seltsamen Eigenheiten ihres Klienten ihr gewaltige seelische Auslagen abverlangten, gelingt es der Schönen, das Honorar auf beinahe 30 Mio. Dollar hinaufzuschrauben. Sie ist ihrem Ziel schon sehr nahe, als der Fürst plötzlich verschwindet. Nachdem sie die Erschütterung ihres ersten Rendezvous erfahren hat, durchlebt J. March das Wunder einer seelischen Verwandlung. An der Wahrhaftigkeit ihrer Gefühle zu Iwerow ist auch nach seiner Abreise nach Russland nicht zu zweifeln. Doch halten sie diese Gefühle nicht davon ab, ohne zu zögern am Computer seinen Bankcode zu knacken und dem Geliebten, ohne mit der Wimper zu zucken, Millionen zu stehlen.  Wahrhaftig: das Herz einer schönen Frau ist aus schreienden Widersprüchen gewebt!

Eine ähnliche Widersprüchlichkeit moralischer Empfindungen bemerken wir auch bei der russischen Diplomatentochter Violetta Schindjapkina. Während sie einerseits ehrlichen Herzens die in Russland herrschende Lüge und Korruption beklagt, unterstützt sie mit liebedienerischer Bereitschaft die verleumderische Nachrede der Betrügerin Waraskina, die diese großzügig mit einem 50-Dollar-Schmiergeld an den Beamten der Miliz untermauert. Was ist denn das? Die uralte Widersprüchlichkeit der weiblichen Natur, oder aber die schizophrene Spaltung  des modernen Bewusstseins, für das die „Schizoanalyse“ (Gilles Deleuze) zum wirkungsvollsten Mittel der Erkenntnis wird? Die Frage stellt sich nicht umsonst.

Der exzentrischen Berechnung J. March‘ steht A. W. Bolls und S Papalardos wütende Zielstrebigkeit bei der Jagd nach Gewinn entgegen. Die Gestalt der italienischen Hasardeurin stellt den Idealtypus des von Max Weber beschriebenen Abenteurers unter den Unternehmern dar, und ist gleichzeitig künstlerisch zweifellos sehr gelungen. Ihre sagenhafte, unstillbare Gier nach Bereicherung, die auf gnadenlosem Betrug und moralischem Anarchismus basiert, erlauben ihr, sich rücksichtlos ihren Weg zu bahnen und einstige Verbündete mitleidlos beiseite zu fegen. Die Abenteuerlichkeit ihres Denkens und ihre Wortbrüchigkeit gegenüber ehemaligen Verbündeten sind auf bezaubernde Weise erfinderisch. Die genau berechneten Schritte des teuflischen Tanzes ihres wilden Temperaments lassen in ihr eine neue menschliche Rasse erkennen, deren aggressive Passionarität sie über das ursprüngliche menschliche Verständnis von Gut und Böse erhebt.  Da haben wir einen Menschen der virtuellen Welt, der den animalischen Begierden der Massen entspricht. Allein ihre geniale, scharfsinnige Idee einer Bescheinigung des käuflichen russischen Beamten Schindjapkin über angeblich von ihm erhaltene Geldmittel für die Organisierung des Personenschutzes für A. Iwerow in Russland ist Gold wert! Der Handel mit der Angst um den seiner Anwältin teuren Iwerow verschafft ihr sagenhafte Dividende und macht sie zur Millionärin. Der Autor bewundert ganz offen die wilde Leidenschaft der berüchtigten Spielerin auf den Saiten der menschlichen Untugenden, die gewaltige Energie des rasenden Temperaments der italienischen Hexe.

Iwerows Anwältin Elisabette Ponsin ist die einzige weibliche Gestalt im Roman, die vorbehaltsloses Mitgefühl und Achtung weckt. Sie ist A. Iwerow mütterlich ergeben und im Unterschied zu Boll äußerst besorgt, nicht nur um seine Gedanken- und Gefühlsstruktur, sondern auch um die Sicherheit seines Vermögens. Doch genau auf diesen edelmütigen Saiten ihres Herzens spielt die hinterhältige Papalardo, um dem Vermögen 170 Mio. Dollar zu entreißen. So ist die tragische Dialektik des Lebens: Die unerfahrene,  gegen die Machenschaften des Bösen ungewappnete Tugend wird selbst zum Instrument des Bösen.

Auf beklemmende Art berührend, wenn auch nicht bis zu Ende ausgeführt, ist die Gestalt der Mila Semiradowa, einer Praktikantin und Studentin im Fernstudium an der Fakultät für Wirtschaft der MGU – der Moskauer Staatlichen Universität. Von Anfang an fesselt sie A. Iwerow durch ihre heiteres Wesen und ihr weibliches Zartgefühl.  Der Blick ihrer nachdenklichen blauen Augen bringt in Iwerows Herzen die gefühlvollsten, zartesten lyrischen Saiten zu begeistertem Klang. Keusche Schüchternheit hält die Hand des Autors zurück, als er  das immer und ewig heilige Geheimnis der Entstehung einer zarten Liebe beschreibt. Und doch erkennen wir diese plötzlich entstandene Furcht, die Augen zu heben und dem Blick des anderen zu begegnen!

Ebenso lakonisch – verglichen mit der akribischen Beschreibung des Äußeren und der Garderobe der J. March – beschreibt er dem Leser Semiradowas Aussehen. Im Unterschied zum  brutal-erotischen Stil von Jaqueline, die auf High Heels von Jeremy Scott in Iwerows Leben hineindefiliert, zeugt Milas Aussehen von Reinheit und Keuschheit. Gekleidet in eine einfache blaue Bluse, Jeans und Turnschuhe, wirkt sie wie das vom Zauberstab der Fee unberührte bescheidene Aschenbrödel auf dem Lebensball des schönen Prinzen (ein Wortspiel: das französische Prince bedeutet sowohl Prinz als auch Fürst). Die Gestalt der Mila ist vom Schleier der Romantik, des Nicht-zu-Ende-Gesagten umgeben. Sie ist ein nicht zu Ende gesungener lyrischer Song des Helden, der auf dem höchsten Ton abreißt. Dennoch spielt sie eine wichtige Rolle im Leben Iwerows. Durch ihre Begegnung, so möchte ich glauben,  wird dem gewohnten Leben des Fürsten ein Ende gesetzt werden: den Liebesbeziehungen mit Vertrag, geschlossen nur aus Eitelkeit und gegen das Gefühl des Herzens. In den verlegenen Blicken der Verliebten schimmert etwas „Menschliches, Allzumenschliches“ , und in ihrem matten Licht erlöschen die Myriaden von Lichtern der europäischen Hauptstädte. Wird es eine private, beglückende Begegnung der Liebe für sie geben?  Wer weiß.

In dem Roman „Der Ausgestoßene“ finden wir die weitere, glänzende Ausgestaltung der verschlungenen Wege, welche die Schicksale der Liebenden gehen; auch der Handlungsstrang des Romans findet seinen Abschluss. Ebenso wichtig aber ist, dass in den folgenden Romanen die kulturelle Anspannung, die aus der dramatischen Kollision des Realen und des Virtuellen erwächst, eine neue, nie dagewesene Charakterisierung erfährt, die eine tiefe  philosophische und literarische Verarbeitung erfordert. Den Beginn dieses Prozesses markiert Potemkins Roman „Der Ausgestoßene“,  der einen Meilenstein in der Geschichte des russischen psychologischen Romans darstellt.

 

Natalja Smirnowa, Doktor der philosophischen Wissenschaften, Professorin, leitende wissenschaftliche Angestellte des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften

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